Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

Der Traum von der grossen Tat

In «Lügen von gestern und heute» steht eine Flüchtlingsaktivistin aus der autonomen Szene im Zentrum – diese hat jedoch nicht die Sympathie der Autorin.

Von Eva Pfister

Ursula Frickers Romane handeln von Menschen in existenziellen Extremsituationen, die sich selbst zu verlieren drohen. Auch die Heldin ihres neuen Romans ist sich selbst abhandengekommen. Allerdings verrät uns die Autorin nicht, woher Isas Depression und ihre innere Leere stammen, gegen die sie mit verbissenem politischem Aktionismus ankämpft.

Isa gehört zur autonomen Szene und setzt sich für die Flüchtlinge ein, die auf dem Berliner Oranienplatz ein Protestcamp aufgeschlagen haben. Als das Camp geräumt wird, radikalisiert sie sich. Sie lebt in einem besetzten Haus und träumt von einer grossen Tat, die eine Wende in der Politik bringen würde. Dabei sieht sie im Senator für Inneres den Hauptgegner, den es zu beseitigen gilt.

Es ist eine Überraschung, dass Fricker ein aktuelles politisches Sujet für einen Roman aufgegriffen hat. Noch verblüffender ist, dass sie Partei ergreift – für den Innensenator, den Mann des pragmatischen Handelns, der sich aber nicht durchsetzen kann gegen all jene, die in ideologischer Verblendung die illegalen BesetzerInnen unterstützen. Daran, dass sie verblendet sind, lässt die Autorin keinen Zweifel. Den sympathisierenden PolitikerInnen unterstellt sie Imagestrategien, während sie die AktivistInnen der autonomen Szene als verlauste NeurotikerInnen darstellt, die einem blinden Geltungsdrang folgen. Was sie aber im Inneren antreibt, verrät uns Fricker in ihrer zugespitzten Figurenzeichnung nicht, und daher wirkt «Lügen von gestern und heute» wie eine Abrechnung mit der Unterstützerszene der Berliner Flüchtlinge.

Das Buch spiegelt aktuelle Vorgänge, bis hin zu einer tatsächlichen Drohung gegen den Berliner Innensenator vom Februar 2016. Das nährt den Verdacht, dass der Roman, was diesen politischen Handlungsstrang betrifft, ein Schnellschuss sein könnte. Denn in einem ganz anderen Ton erzählt Fricker im selben Buch von einer Frau, die aus dem Schrecken eines kaukasischen Kriegsgebiets nach Berlin kommt und Arbeit sowie Zuflucht in einem Bordell findet. Abgesehen davon, dass dieses Puff etwas idealisiert wird, ist diese Geschichte psychologisch viel interessanter und so eindringlich geschrieben, wie man es von Ursula Fricker gewohnt ist.

Die Autorin liest in Solothurn am Fr, 6. Mai 2016, um 15 Uhr.

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