Nr. 20/2012 vom 17.05.2012

Schon fast sakral

Von Adrian Riklin

Eigentlich wollte ich nur meine Mutter besuchen. Also stand ich am Samstagnachmittag im HB. Und weil Hunderttausende zu ihrer Mutter wollen, sind Bahnhöfe ein Publikumsmagnet. Das wissen die Götter und auch Kulturmanager. Also stand ich in einem Theaterfoyer.

Später las ich die E-Mail eines Journalisten: «Dies verfasse ich weder als Agent noch bezahlter Vermittler. Ich schreibe als begeisterter Konsument, der im HB Zeuge einer königlichen Krönung wurde. Da reist Giovanni Netzer mit einer Truppe aus Riom, Graubünden an und präsentiert eine Krönungs-Show: Epos, Musikgewalt und eine Tanz- und Inszenierungsfantasie, die schon fast sakral die eigene Spiritualität anrührt. Die Königsmutter, die den Schützling ins brutale Geschäft schickt. Der König, der alles will, nur nicht das. Der Seher, der den Grössenwahn auf dem Thron stoppen will!»

Gleichzeitig erhielt ich die Warnung eines Theatermachers: «Netzers Unternehmen gründete sich von Anbeginn, damals noch unter Bischof Haas und dem Opus Dei, auf der Ausbeutung alttestamentarischer Stoffe, auf ihre bildlichen und erzählerischen Sensationen, die Netzer für die zeitgenössische Spektakelgesellschaft als noch nicht genutzte Kapitalnische entdeckt hatte. Dies alles abseits aller theologischen Reflexion eines mehr als zweitausend Jahre alten rabbinisch-jüdischen Studiums.»

Der Journalist dagegen: «Morgen, Kinder, wirds was geben. Wenn ihr es zerpflücken möchtet, bitte. Aber geht hin und macht was. Das war ein privates Anliegen. Guten Abend.»

Ich ging lieber zu meiner Mutter.

«Die Krönung» des Origen Festival Cultural ging am Fr/Sa, 11./12. Mai, im Zürcher Hauptbahnhof über die Bühne. Giovanni Netzer nahm dabei einen Preis für Abendländische Ethik und Kultur entgegen. Der Theatermacher Wolfram Frank, der ausserhalb des Veranstaltungsgeländes kritische Flugblätter verteilte, wurde von Angestellten eines privaten Sicherheitsdiensts weggewiesen.

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