Nr. 23/2012 vom 07.06.2012

LoRa aus dem Lot

Beim Zürcher Alternativradio LoRa ist ein Streit um Gelder, Briefe und E-Mails ausgebrochen.

Von Mirjam Grob

«Am Mittwoch, den 30. Mai 2012, haben alle Mitglieder der Betriebsgruppe von Radio LoRa die Kündigung ihres Arbeitsverhältnisses erhalten.» So lautet der erste Satz einer Mail, die die Betriebsgruppe des Zürcher Alternativradios am 1. Juni an dessen Mitglieder und UnterstützerInnen versandte. Grund dafür sei, dass die Stiftung ALR (Alternatives Lokalradio) dem Verein Radio LoRa vertraglich zugesichertes Geld vorenthalte, ist weiter zu lesen. Was ist los bei LoRa?

Zwei Versionen

Auf der einen Seite des Konflikts befindet sich die Stiftung ALR, die Inhaberin der Radiokonzession und der Studios. Auf der anderen der Verein LoRa, in dem die Radiomachenden organisiert sind. Dieser wird von einem Vorstand geleitet und beschäftigt acht Teilzeitangestellte, die Betriebsgruppe (BG). Doch für deren Entlöhnung benötige man die vom Bundesamt für Kommunikation Bakom an die Stiftung ALR bezahlten Gebührensplitgelder, sagt der Verein. Und diese für den Radiobetrieb bestimmten Gelder würden nicht korrekt weitergeleitet – und zwar vorsätzlich, so der Verdacht, den Daniela Schicker, Vorstandsmitglied des Vereins LoRa, äussert.

Dieses Misstrauen geht auf ein Ereignis zurück, das von beiden Konfliktparteien unterschiedlich dargestellt wird: der im letzten Dezember zur Diskussion gestellte Vorschlag, eine Geschäftsleitung zu bilden. Dieser sei von der Stiftung und dem damaligen, inzwischen ausgewechselten, Vereinsvorstand in «Geheimsitzungen» ausgearbeitet worden, so Nicole Niedermüller aus der BG: «So ging viel Vertrauen verloren.»

Für ALR-Stiftungspräsidentin Anne-Catherine Eigner ging es damals hingegen nur darum, eine Diskussion anzustossen. Und dass die Stiftung in der Folge zu Unrecht Geld zurückgehalten habe, sei nicht wahr.

Auch Adriane Borger, die Stiftungssekretärin, bestätigt, für den April und den Mai sei ordnungsgemäss Geld überwiesen worden. Denn die Stiftung Radio LoRa bezahlt dem Verein gemäss Zusammenarbeitsregelung das Gebührensplitgeld in monatlichen Raten. Nur im Februar und März habe der Verein kein Geld erhalten, so Adriane Borger weiter. Damit sei ausgeglichen worden, dass letztes Jahr 40 000 Franken zu viel gezahlt worden seien. Dies hat Borger dem Vereinsvorstand in einer Mail vom 11. Mai, die der WOZ vorliegt, mitgeteilt – und nach eigenen Angaben nie eine Antwort bekommen.

Man habe keine Antworten auf Mails und Briefe erhalten, ist auch von der anderen Seite zu hören. Seit Monaten habe der Verein LoRa darauf hingewiesen, dass bei längerem Ausbleiben des Bakom-Gelds der Radiobetrieb gefährdet sei, sagt Vorstandsmitglied Daniela Schicker. Und Ende Mai hätten die Reserven des Vereins LoRa nicht mehr ausgereicht, um die Löhne der Betriebsgruppe länger als bis zu der in ihrem Gesamtarbeitsvertrag festgeschriebenen Kündigungsfrist zu bezahlen, weshalb – um den Konkurs des Vereins und damit verbundene Lohnklagen zu vermeiden – die Kündigungen ausgesprochen worden seien. Eine Begründung, die bei der Stiftung Verwunderung auszulösen scheint: «Vonseiten Betriebsgruppe oder Vorstand ist nie ein Telefon bezüglich Geldanfragen gekommen», so Stiftungspräsidentin Anne-Catherine Eigner.

Schlichtungsprozess steht an

Ebenfalls uneins ist man sich, was die Höhe der monatlichen Raten anbelangt. Während der Verein von 20 000 Franken pro Monat ausgeht, erklärt Stiftungssekretärin Adriane Borger, der Betrag werde aus der Jahresrechnung und dem Budget für das nächste Jahr errechnet. Doch weil sie das Vereinsbudget nie erhalten habe, müsse sie sich momentan auf eigene Annahmen stützen. Daniela Schicker aus dem Vereinsvorstand entgegnet jedoch, das Budget sei an der Generalversammlung abgenommen worden und der Stiftung somit bekannt.

Immerhin sind sich alle Beteiligten in zwei Punkten einig: Man ist zuversichtlich, dass die gemeinsame Jahresrechnung fristgemäss beim Bakom eintreffen wird und die Konzession des LoRa daher nicht gefährdet ist. Denn, so betonen – zweitens – alle, am wichtigsten sei, dass das Radio weiterbestehe. Damit dies möglich sein wird, soll in den nächsten Monaten ein Schlichtungsprozess in Angriff genommen werden.

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