Nr. 25/2012 vom 21.06.2012

Wie geht es der Alternativen Linken?

Josef Zisyadis glaubt weiterhin an die Zukunft einer nationalen Alternativen Linken in der Schweiz. Aber nur, wenn sich die GenossInnen lieben lernen und endlich eine systemkritische Perspektive nach griechischem Vorbild entwickeln.

Von Dominik Gross (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Josef Zisyadis: «Wir müssen den Service public als echten Dienst an der Bevölkerung propagieren, aber zugleich die Bürokratie abbauen.»

WOZ: Herr Zisyadis, was macht eigentlich das Projekt der nationalen Alternativen Linken?
Josef Zisyadis: Wir brauchen noch viel Zeit. Je kleiner eine Partei ist, desto mehr gewinnen einzelne Personen an Einfluss. Das müssen wir überwinden. Die Stärke der französischen Linksfront um Jean-Luc Mélenchon oder der Syriza in Griechenland liegt darin, dass sie eine Partei mit einer politischen Bewegung verbinden. In der Schweiz, vor allem in der Romandie und im Tessin, haben wir schon bei Wahlen ein Problem: In Genf schaffen es die linken Gruppierungen meistens nicht einmal, eine gemeinsame Liste aufzustellen. Um eine echte soziale Bewegung zu werden, müssen die Genossen lernen, sich zu lieben, auch wenn der andere nicht dieselbe Meinung vertritt wie du selbst. Es geht um den gegenseitigen Respekt zwischen Andersdenkenden auch innerhalb der Linken. Dieser fehlt in der Schweizer Linken oft.

Gibt es überhaupt einen Willen, sich zusammenzuschliessen? Oder pflegen doch lieber alle ihr eigenes kleines Politgärtchen?
Das mag sein. Denn so kann jeder ein kleiner Chef in einer kleinen Gruppe in einem klitzekleinen Gärtchen sein. Das Hauptproblem der Linken ist, dass sie es nicht schafft, sich zu vereinen. Auch die Sozialdemokraten haben verschiedene Flügel, weshalb sollte das in einer Alternativen Linken nicht möglich sein?

Und was läuft gut?
In der Deutschschweiz machen die Schaffhauser und die Zürcher Alternativen trotz ihrer Kleinheit eine sehr gute Arbeit. In der Romandie und im Tessin müssen wir uns diese als Beispiel nehmen. Ausserdem wird die Politik in vielen Westschweizer Städten – in Genf, Lausanne, Renens, Le Locle, Neuenburg oder Delémont – von der SP, den Grünen und der Alternativen Linken bestimmt. In diesen Städten spüre ich auch einen gegenseitigen Respekt unter den drei linken Parteien. Gleichzeitig gibt es eine ziemlich aktivistische Linke in der Schweiz. Das stimmt mich optimistisch.

Sie ist aber klein.
Klar, aber sie kann zusammen mit der gewerkschaftlichen Linken und der Juso interessante Koalitionen bilden. Ich sehe für die Schweizer Linken keine andere Perspektive, als eine einzige politische Bewegung zu bilden, die verschiedene Richtungen in sich vereinigt. In der griechischen Syriza gibt es zwölf verschiedene Flügel! Gegen aussen kommunizieren sie aber vereint, präsentieren sich als eine einzige Bewegung, als eine einzige Partei.

Wieso braucht die Schweiz überhaupt eine weitere nationale linke Partei?
Wenn sozialdemokratische Politik nicht mehr von jener der Rechten zu unterscheiden ist, dann brauchen wir Kräfte, die radikale Veränderungen vorantreiben, so wie das die Syriza jetzt in Griechenland versucht hat.

Was verstehen Sie unter radikalen Veränderungen?
Mit dem kapitalistischen System zu brechen. Es gibt in diesem System keinen Raum für linke Regierungen, die eine echte Alternative zur bestehenden Schweizer Regierungspolitik wären. Deshalb müssen wir eine systemkritische ökosoziale linke Alternative aufbauen.

Abgesehen von der Systemfrage: Wie kann sich eine Alternative Linke im politischen Alltag von der SP und den Grünen unterscheiden?
Etwa in der Frage des Service public: Hier müssen wir die Bürokratie abbauen. Dann brauchen wir eine Finanzpolitik, die fundamental mit den Interessen des Finanzkapitals bricht. Und schliesslich geht es um die Frage der Décroissance, den Grenzen des Wachstums.

Wie lässt sich ein unbürokratischer Service public organisieren?
Wir brauchen einen Service für die Bevölkerung, nicht einen, der sich dauernd weiter von ihren Interessen entfernt. Der Neoliberalismus war so erfolgreich, weil er es immer wieder geschafft hat, einen Keil zwischen die Verwaltung und die Bürgerinnen und Bürger zu treiben. Man sagte: «Schaut, die Beamten verteidigen auch nur ihre Privilegien.» Dagegen müssen wir den Service public als echten Dienst an der Bevölkerung propagieren.

Wollen Sie das mittlerweile auch im öffentlichen Dienst etablierte Prinzip der Rentabilität wieder abschaffen?
Ja. Wenn wir auch die Qualität der Dienste in die Rechnung miteinbeziehen, ist der Service public in vielen Bereichen viel effizienter als die Privatwirtschaft. Ausserdem habe ich genug von einem Service public, der nur von der Politik und den Angestellten bestimmt wird. Wir Bürgerinnen und Bürger müssen viel öfter die Möglichkeit haben, direkt zu intervenieren. Das heisst, es braucht Benutzerkomitees. Damit könnten die SBB oder die Post viel Know-how ihrer Fahrgäste und Kunden in ihre Unternehmensstrategien miteinbeziehen.

Und die Décroissance?
Wir müssen dafür sorgen, dass das Versprechen auf ein besseres Leben nicht mehr an das wirtschaftliche Wachstumsparadigma geknüpft ist, das wiederum von einer ständigen Konsumsteigerung abhängt. Die Ressourcen der Erde sind begrenzt, es kann nicht ewig aufwärtsgehen.

Josef Zisyadis (56) engagiert sich seit über dreissig Jahren in der Partei der Arbeit (PdA). Im nächsten Monatsinterview spricht Zisyadis über die enttäuschte Wahlhoffnung der Syriza und die Zukunft Griechenlands.

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