Nr. 28/2012 vom 12.07.2012

Bei den Leuten auf dem Sofa

Steffi Buchli (33) ist die wohl bekannteste Sportjournalistin der Schweiz. Im Gespräch mit der WOZ redet sie über die Männerdomäne Sport, ihre Premiere als Anchor-Frau bei den Olympischen Spielen und Fussball als Begleitmedium.

Interview: Etrit Hasler

WOZ: Steffi Buchli, als Sie von der UBS in die Medienbranche wechselten, müssen Sie wohl einige für verrückt gehalten haben. Heute sind Sie wahrscheinlich ganz froh darüber.
Steffi Buchli: Und wie. Das war in der Zeit der Fusion mit dem Bankverein – ich hatte nach der Matura die tollkühne Idee, ich müsste Wirtschaft studieren. Von den Vorlieben her wäre mir ein Sprachstudium zwar näher gewesen, aber das hätte mir zu lange gedauert. Also habe ich die Ausbildung bei der UBS angefangen – und habe dann gemerkt, dass mich da alles interessiert, was nicht mit Banking zu tun hatte …

… und wechselten zum Radio.
Zuerst zu Radio Zürisee und danach zu Radio 24.

Ging es da schon immer um Sport?
Das kam erst mit dem Wechsel zum Fernsehen. Aber schon davor habe ich mich gerne für Sportgeschichten gemeldet, das interessierte mich schon sehr.

Was wohl auch an Ihrer Vergangenheit lag. Sie waren Schweizer Meisterin im Unihockey.
Genau, mit Rychenberg Winterthur. Aber als ich beim Radio anfing, wurde es schwierig, die Arbeitszeiten und die Trainings miteinander zu vereinbaren. Unsere Mannschaft war gespickt mit Nationalspielerinnen, ich geriet so ins Hintertreffen, spielte häufig nur noch im dritten Block oder gar nicht. Aufwand und Ertrag stimmten irgendwann nicht mehr.

Unihockey ist ein Paradebeispiel dafür, dass es als Frau fast unmöglich ist, vom Sport zu leben.
Das ist tatsächlich so. Ich kenne ein paar Idealistinnen, die für Kost und Logis in Skandinavien spielen oder nur Teilzeit arbeiten und dann ihre Karriere dafür opfern. Als mich die Medien «gepackt» hatten, war für mich klar, dass dies nicht mein Weg sein würde.

Gerade Frauenunihockey ist in Skandinavien unheimlich beliebt. Und trotzdem ist nicht genügend Geld vorhanden, damit die Spielerinnen davon leben können.
Ich denke, das ist vor allem ein Vermarktungsproblem. Der direkte Vergleich Männer und Frauen ist auch fies – natürlich sieht bei den Frauen alles dreimal langsamer aus.

Diese Erfahrung machte man in der Schweiz im Fussball, als das Cupfinal der Frauen als «Vorspiel» des Männerfinals ausgetragen wurde.
Das war ein Horror. Zudem fehlte die Leistungsdichte an der Spitze – im Frauenfussball ging es lange Zeit nur darum: Wer gewinnt gegen den SV Seebach? Für die Vermarktung ist es natürlich Gift, wenn keine Spannung aufkommt.

Bei den Männern scheint dies niemanden zu stören. Wenn der FC Basel drei Jahre hintereinander Meister wird, wird er hochgejubelt.
Ich weiss nicht, ob das immer noch stimmen würde, wenn es zehn Jahre dauern würde. Aber wenn die Zürcher Vereine sich nicht wieder aufrappeln, erleben wir das vielleicht noch.

Die Mitarbeitenden der Sportredaktion, Beni Thurnheer oder Sie, haben in der Schweiz fast den Status von Prominenten. Woran liegt das?
Das hängt mit der Nähe zusammen, die der Sport vermittelt. Die Leute behandeln uns häufig, als wären wir alte Bekannte, als ob wir jeweils mit ihnen zu Hause auf dem Sofa sitzen, wenn sie ein Spiel schauen. Da fühlt es sich ganz natürlich an, uns beim Kaffeetrinken anzusprechen und uns zu fragen, wer denn jetzt Europameister werde. Ich glaube nicht, dass jemand einen Nachrichtensprecher anquatschen würde, um ihn zu fragen, wie sich wohl der Syrienkonflikt entwickelt.

Wie halten Sie Distanz zu den Akteuren? Das Schweizer Fernsehen ist ja überall mit dabei, man ist mit allen per Du.
Es gibt sehr wohl Bereiche, in die wir nicht vordringen. Die Kabine, zum Beispiel, ist mit ganz wenigen Ausnahmen tabu. Und da wir im Unterschied zu den Printmedien seltener bei den Trainings dabei sind, sind wir nicht so nah dran, wie ich das manchmal gern hätte. Und dass wir uns alle duzen – das ist im Bundeshaus kaum anders, oder?

Die Politiker haben den Vorteil, dass sie nicht immer nur gefragt werden, wie sie sich fühlen …
(Lacht.) So gemein, das ist eine Unterstellung! Der Vorwurf kommt häufig, aber ich glaube, ich habe echt noch nie jemanden gefragt, wie er sich fühlt. Aber es stimmt schon, diese Interviews am Spielfeldrand, direkt nach dem Schlusspfiff, da hat man als Journalistin ganz eingeschränkte Möglichkeiten: Da kann man nur eine unmittelbare Emotion abholen. Die Spieler können ja keine pfannenfertige Systemanalyse des Spiels liefern, wenn noch das ganze Adrenalin im Körper steckt.

Kommt denn mehr, wenn man mehr Zeit hat, wie in den Gesprächen in der «Sportlounge»?
Ich bin sehr zufrieden mit dem Format. Es ist ganz anders, wenn wir nicht bloss quasi vor der Garderobentür drei Fragen stellen können, sondern uns wirklich auf jemanden einlassen. Alex Frei zum Beispiel, der sonst eine Reizfigur ist, hat im Gespräch bei uns eine Ruhe gezeigt – das hat mehr an eine «Sternstunde» erinnert als an ein Sportlerinterview.

Welche der beiden Schweizer «Volkssportarten» bevorzugen Sie, Fussball oder Eishockey?
Privat finde ich Fussball ganz angenehm – da läuft bei mir der Fernseher als Begleitmedium, während ich bequem ein paar Dinge parallel dazu erledigen kann (lacht). Im Eishockey geht das weniger, wobei ich auch sagen muss, dass ich beruflich so häufig an den Hockeyspielen bin, dass ich kaum dazu komme, mir das privat auch noch anzusehen.

Sie haben irgendwann genug von Sport?
Auf jeden Fall. Ich habe mir während der Euro ein paar fussballfreie Abende gegönnt.

Wie arbeitet es sich in einer Männerdomäne? So viele Frauen gab es vor Ihnen nicht, die am Bildschirm zu Sport reden durften.
Da waren schon einige. Regula Späni natürlich und Monika Fasnacht. Es fallen mir gar nicht mehr alle ein. In unserem aktuellen Team ist auch noch Daniela Milanese. Ich bin diesen Vorkämpferinnen sehr dankbar – sie haben vorgespurt und viel zur Glaubwürdigkeit der Frauen im Bereich des Sports beigetragen.

Sie hatten nie Probleme damit?
Ganz ehrlich: Nein. Zumindest nicht in der Redaktion. Ich bekomme schon ab und zu Reaktionen von Zuschauern im Stil von «für eine Frau machen Sie das wirklich sehr gut», aber ich frage mich dann, wer exotischer ist: die Frau, die am Bildschirm über Sport spricht, oder der Mann, der noch so eine Grundhaltung hat.

Sie haben selber schon betont, dass die Wahrnehmung anders ist: Wenn ein Mann in der Hitze des Gefechts einen Namen verwechselt, dann ist das ein Versehen, wenn einer Frau das passiert, dann hat sie keine Ahnung.
Das ist vermutlich so. Das spornt mich an, fehlerfrei zu arbeiten. Wir müssen sehen: Noch immer interessieren sich viel weniger Frauen intensiv für Sport. Wenn eine Sportredaktorenstelle ausgeschrieben wird, bewirbt sich auf acht Männer eine Frau. Das hängt auch damit zusammen, dass das Grundinteresse tiefer ist: Ein Mann würde sich wohl nicht trauen, die Frage zu stellen, wieso Ronaldo bei Portugal spielen dürfe, wenn er schon bei Real Madrid sei.

Sie sind schon fast zehn Jahre beim Schweizer Fernsehen. Werden Sie das noch ewig machen?
Moderieren? Ich glaube nicht. Das mag jetzt brutal klingen, aber gerade im HD-Zeitalter ist die Halbwertszeit von Moderatorinnen eher gesunken. Männer sehen «seriöser» aus mit grauen Schläfen und ein paar Falten, bei Frauen will das der Zuschauer nicht sehen. Aber es geht mir nicht nur darum. Ich will mich auch noch weiterentwickeln. Wohin das gehen wird, weiss ich noch nicht, und auch nicht, wann der Zeitpunkt zum Wechsel kommt.

Das klingt aber doch so, als sei es bald.
Ganz im Gegenteil. Der Job ist immer noch eine grosse Herausforderung. Ab dem 27. Juli bin ich zum ersten Mal in der Anchor-Position bei den Olympischen Spielen, bin also zusammen mit Matthias Hüppi die zentrale Stelle und verteile die Bälle zwischen den Dutzenden von Beiträgen und Live-Übertragungen. Darauf freue ich mich unheimlich.

Dreieinhalb Wochen Sendemarathon – da werden Sie kaum eine freie Minute haben.
Das stimmt, aber ich freue mich sehr. Ich bin zwar nicht vor Ort wie damals in Peking …

Wir war es, dort journalistisch zu arbeiten?
Die Arbeit abseits der Sportstätten war schon sehr eingeschränkt. Man war auf Drehgenehmigungen des Regimes angewiesen, musste immer einen Übersetzer dabeihaben.

Wie stellen Sie sich zu Boykottaufrufen, gerade in Fällen wie China oder der Ukraine?
Das Boykottthema kommt immer sehr spät, meist erst kurz bevor die Anlässe losgehen. Dabei passiert doch der eigentliche «Fehler» bei der Vergabe. Ich finde es etwas heuchlerisch, wenn Staatsoberhäupter nicht auf der Ehrentribüne Platz nehmen wollen. Das bringt nichts, wenn sie zuvor und danach nicht handeln.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch