Nr. 36/2012 vom 06.09.2012

Leibgarde des Kapitals

Von Stefan Keller

Letzten Montag vor hundert Jahren kam der deutsche Kaiser Wilhelm II. zu Besuch, und die Deutschschweizer Oberschicht liess ihm ein schönes Manöver aufführen. Von den Willes (Militär) über die Schwarzenbachs (Seide), die Sulzers und Bühlers (Maschinen- und Textilindustrie) bis zu den Schmidheinys (Baustoffe) waren die führenden Familien in der Manöverleitung vertreten. Die Offiziere wurden, wenn sie Glück hatten, dem Kaiser persönlich vorgestellt. Umgekehrt konnten sie diesem zeigen, dass auch eine Republik nicht ohne autoritäre Cliquen und gehorsames Fussvolk auskommen muss.

Das Kaisermanöver von 1912, zwei Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs, ging in die helvetische Mythologie ein. In den Strassen hätten die Leute gejubelt und den Monarchen hochleben lassen, heisst es in zeitgenössischen Berichten, so erzählen es auch historische Romane von Meinrad Inglin («Schweizerspiegel», 1938) über Kurt Guggenheim («Alles in allem», 1952) bis Kaspar Schnetzler («Das Gute», 2008). Die militärische Bedeutung des Anlasses ist umstritten: pure Anbiederung oder Demonstration der Stärke? Damals richtete sich die Schweizer Armee auf einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland ein. Offiziell übte sie, neutral zu bleiben. Doch ihre Spitze war Deutschland verpflichtet.

1912 ist die Schweiz ein unruhiges Pflaster. Die Arbeiterschaft regt sich, verlangt mehr Rechte und eine bessere Behandlung. Ständig wird in den Städten gestreikt. Ein paar Wochen vor dem Kaiserbesuch besetzen Truppen eine Streikzentrale im neu erbauten Zürcher Volkshaus. Soldaten – oft aus ländlichen Gebieten – werden gegen die ArbeiterInnen eingesetzt. Manchmal wird scharf geschossen. Die Offiziere, die das Manöver von 1912 befehlen, werden 1918 auch die Truppen befehlen, die gegen den landesweiten Generalstreik aufmarschieren. Während der deutsche Kaiser in jenem Jahr abdanken muss, bleibt das Modell einer Schweizer Armee, in welcher die Söhne der führenden Familien das Offizierskorps stellen und damit ihre zivile Herrschaft absichern, noch viele Jahrzehnte erhalten.

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