Nr. 37/2012 vom 13.09.2012

Chaletkönig duldet kein Picknick

Von Jan Jirát

«Es kommt gefühlter Hass entgegen, wie ich ihn in meinen 25 Jahren als Gewerkschaftssekretär nie erlebt habe», sagt Udo Michel von der Gewerkschaft Unia Berner Oberland. «Die Unia lügt!», entgegnet die Gegenseite, die IG Arbeitsplätze im Berggebiet (IGAB), eine Lobbyorganisation der lokalen Baubranche, auf ihrer Website. Das Saanenland mit seinem mondänen Zentrum Gstaad ist momentan Schauplatz eines gehässigen Abstimmungskampfs. Am 23. September wird im Kanton Bern über die Abschaffung der Pauschalbesteuerung abgestimmt. Die Gewerkschaft wirft der IGAB vor, sie führe im Saanenland eine unfaire Kampagne und spanne dafür auch die lokale Politik ein. So fand etwa Ende August in Wimmis eine öffentliche «Landsgemeinde» statt, an der alle offiziellen RednerInnen klare BefürworterInnen der Pauschalbesteuerung waren (siehe WOZ Nr. 34/12).

Letztes Wochenende wollte die Unia ein Protestpicknick in Gstaad organisieren, worauf «Chaletkönig» Marcel Bach kurzerhand eine Gegenveranstaltung ankündigte. Gemäss Udo Michel von der Unia sei es im Vorfeld des geplanten Picknicks zu Drohungen gekommen. Er sagte die Aktion ab, um befürchtete Zusammenstösse zu verhindern. Das Gebaren der lokalen Baubranche hat handfeste Gründe: Praktisch alle 230 Berner Pauschalbesteuerten leben in Gstaad. Wer noch nicht in einem prunkvollen Holzchalet oder einer schicken Eigentumswohnung residiert, lässt sich eines bauen. Eine Goldgrube für die Bauunternehmen, die nun um ihre Pfründe fürchten.

Im Abstimmungskampf klingt das dann so: 2000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel! Wie könne die Unia da gegen die Pauschalbesteuerung sein? Erstens ist die genannte Zahl rein hypothetisch und statistisch nicht abgestützt. Zweitens scheinen die Baufürsten nicht zu begreifen, dass eine Gewerkschaft nicht an einem Status quo interessiert sein kann, der vor allem eins gewährleistet: dass einige wenige noch reicher werden.

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