Nr. 37/2012 vom 13.09.2012

Keimzellen aus Disziplin und Leidenschaft

El Sistema ist ein Netzwerk aus Musikschulen, das die Armenviertel Venezuelas durchzieht und Kindern und Jugendlichen neue Perspektiven eröffnet. Ein Essay über die sozialutopische Kraft des Musizierens.

Von Cecibel Romero und Toni Keppeler

Zwei Revolutionen spielen sich derzeit ab in Venezuela: die bekannte bolivarische, die mitunter ziemlich laut und polternd daherkommt und einen «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» verspricht. Daneben und schon viel länger gibt es eine andere, die bisweilen eine «leise soziale Revolution» genannt wird, und sie verspricht – Musik.

Der Protagonist der lauten Revolution ist bekannt: Präsident Hugo Chávez, ein Linkspopulist, der seine Reden ans Volk in den höchstens 140 Anschlägen einer Kurzmeldung im sozialen Netzwerk Twitter unterbringen, aber auch fünf Stunden oder länger live im Fernsehen und Radio vor sich hin plaudern kann. Manchmal singt er dabei auch sehr volkstümelnde Lieder, meistens ein bisschen falsch.

Der Protagonist der leisen Revolution heisst José Antonio Abreu, ist 72-jährig, hager und trägt eine dicke Brille sowie, weil es ihn ständig friert, einen Wintermantel, selbst im tropischen Venezuela. Er wirkt ein bisschen wie ein existenzialistischer Intellektueller aus den sechziger Jahren: Man kann ihn sich gut mit Jean-Paul Sartre am kleinen Tisch eines verrauchten Pariser Cafés vorstellen.

Abreu hat 1975 gegründet, was heute in Venezuela als El Sistema bekannt ist: das System. Der Name wirkt kalt und hört sich fast ein bisschen nach realsozialistischer Planwirtschaft an. Die Staatsstiftung für das nationale System von Jugend- und Kinderorchestern in Venezuela betreibt heute 285 Musikschulen in Armenvierteln und betreut dort 350 000 Kinder und Jugendliche mit 5620 fest angestellten MusiklehrerInnen und Verwaltungsleuten.

Einer Legende nach soll Abreu die ersten elf Jugendlichen auf einem Parkplatz in der Hauptstadt Caracas aufgelesen, ihnen Musikinstrumente in die Hände gedrückt und gesagt haben: «Mit diesen Instrumenten werden wir die Welt verändern.» Inzwischen hat El Sistema MusikerInnen hervorgebracht, die in New York, London oder Mailand verpflichtet werden. Der ganz grosse Star heisst Gustavo Dudamel: Im Alter von 27 Jahren ist er zum Chefdirigenten der Philharmonie von Los Angeles berufen worden.

War dies das Ziel von Abreu? Dass ein paar seiner SchülerInnen den ganz grossen Sprung schaffen in die gutbürgerliche Existenz der grossen Bühnen? Und alle anderen arm bleiben, aber von diesem Sprung träumen dürfen in den paar Jahren kostenlosen Musikunterrichts mit geliehenen Instrumenten? Gerade in Lateinamerika ist klassische Musik die Angelegenheit einer kleinen grossbürgerlichen Elite. Während die Staatsstiftung das Ziel verfolgt, «erstklassige menschliche Ressourcen auf dem Gebiet der Musik» hervorzubringen.

Oder hat sich Abreu im Sinne des marxistischen Hoffnungsphilosophen Ernst Bloch im Zimmer der grossbürgerlichen Erbtante schon einmal umgesehen, was denn als Nachlass zu erwarten sei, und dabei erkannt, dass es sich bei klassischer Musik um ein Schatzkästlein handelt, in dem die bessere Zeit in der Zukunft schon heute eingeschlossen ist?

Abreu würde das für sich in Anspruch nehmen: «El Sistema ist eine Utopie mit der ganzen Schönheit und Energie, die eine Utopie ausstrahlen kann. Musik ist nicht nur ein künstlerischer Ausdruck, sie ist ein globales Konzept der kosmischen Harmonie.»

Heisses Herz, kühler Verstand

Der garstige Graben zwischen Armut und Reichtum liegt dieser Harmonie im Weg. Auch wenn Abreu die klassische Musik in die Elendsviertel gebracht hat. Dorthin, wo die Häuser improvisiert zusammengenagelt werden, wo es schlammig ist und stinkt, wo die Familien mit Gelegenheitsjobs von der Hand in den Mund leben, wo Mord und Totschlag zum Alltag gehören und wo sich die Kinder vor all dem Elend massenhaft in die einschläfernden und gehirntötenden Ausdünstungen von Leim in einer Plastiktüte flüchten.

Solchen Kindern bietet El Sistema kostenlosen Musikunterricht samt Instrumenten an. Gelernt wird in der Gruppe, und das Ziel ist immer der Chor oder das Orchester und der gemeinsame öffentliche Auftritt.

Die Musikschulen haben mehr Zulauf als Sportvereine. Die Jugendlichen sind mit Leidenschaft dabei – und das, obwohl das Erlernen eines Musikinstruments Disziplin nicht nur lehrt, sondern auch erfordert. Leidenschaft und Disziplin aber, und das auch noch eingebettet in ein Kollektiv, das sind – in der klassischen realsozialistischen Terminologie gesprochen – revolutionäre Tugenden. Zur Gründerzeit von El Sistema lautete ein geflügeltes Wort, ein Revolutionär müsse ein heisses Herz haben und einen kühlen Verstand.

Diese «Keimzellen aus Disziplin und Leidenschaft» strahlen aus: auf die Familien, weil es etwas anderes ist, wenn ein Kind zu Hause Geige oder Trompete übt und nicht auf der Strasse herumhängt und sich mit Drogen zudröhnt. Sie strahlen aus ins Stadtviertel, lockern es auf und durchmischen es, weil sich die Eltern bei den Konzerten der Kinder treffen, sich kennenlernen, miteinander reden, gemeinsam stolz sind auf den Nachwuchs. Im besten Fall entsteht, was dringend nötig ist zum menschenwürdigen Überleben in einem Armenviertel: ein soziales Gefüge.

Eine ganz eigene Utopie

Hugo Chávez hat die sozialrevolutionäre Kraft von El Sistema erkannt und versucht, es für sich zu vereinnahmen. Er fördert die Musikschulen mit gut 150 Millionen Franken im Jahr, hat ihr Netzwerk in Musikalische Stiftung Simón Bolívar umbenannt und seinem Ministerium für Volksmacht angegliedert. Dort ist es umgeben von einer bolivarischen Sozialpolitik, die mit Leidenschaft und Disziplin oder gar mit Engagement für eine gemeinsame Sache herzlich wenig zu tun hat.

Chávez ist das, was man in der spanischsprachigen Welt einen Caudillo nennt: ein selbstherrlicher Staatschef, der sich unter Umgehung aller Institutionen direkt ans Volk wendet, dort nach Gutdünken wohltätig ist und im Gegenzug erwartet, dass das Volk ihn liebt und legitimiert. Bislang hat das ganz gut funktioniert. Er tauscht kubanische Ärztinnen gegen Erdöl ein und schickt sie in Elendsviertel, die vorher nie ein Mediziner betreten hat. Er betreibt Supermärkte mit billigem Hühnerfleisch für die Armen und verschenkt hier und da einmal ein neues Häuschen. Und die Kinder bekommen gratis Musikunterricht.

Alles purer Assistenzialismus: Man lindert mit ein paar Geschenken die Not, ändert aber nichts an den Strukturen und schafft so nur Abhängigkeiten. Der Caudillo will geliebt und wieder gewählt werden, das nächste Mal bereits am 7. Oktober. Wird El Sistema vom System Chávez verschluckt?

Abreu hat sich zum Ziel gesetzt, mit seinen Musikschulen eine Million Kinder und Jugendliche zu erreichen. Dafür braucht er das Geld von Chávez, und er nimmt es gerne. Er vertraut auf die Schönheit und Energie der Musik. Und darauf, dass mit und durch sie eine Generation heranwächst mit ihrer ganz eigenen Utopie, die weit über das hinausreicht, was ein Caudillo mit seinem «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» versprechen kann.

Die Musik-Abstimmung

Tonleitern für alle

Am 23. September entscheidet sich, ob das Recht auf eine musikalische Bildung für Kinder und Jugendliche in der Schweizer Verfassung verankert wird. Zur Eröffnung der Abstimmungskampagne Mitte August griff Christine Egerszegi-Obrist, FDP-Ständerätin und Präsidentin der Interessengemeinschaft Jugend und Musik, zu martialischem Vokabular: Mit Musikunterricht erhalte die Jugend eine Waffe in die Hand im Kampf gegen die steigende Arbeitslosigkeit. Ob sie damit jene auf ihre Seite ziehen wollte, die bereits die Neinparole beschlossen hatten – unter ihnen die überwiegende Mehrheit in den eigenen Parteireihen sowie die SVP? In den LeserInnenforen erschallen nationalkonservative Töne: Die Pflege des heimatlichen Lied- und damit Gedankenguts wird beschworen. Sie soll im Rahmen des Musikunterrichts endlich stärker gefördert werden.

Es gibt bessere Gründe, ein Ja in die Urne zu legen. Soziale Gerechtigkeit zum Beispiel: Längst nicht alle Familien können es sich leisten, ihren Kindern das Erlernen eines Musikinstruments zu ermöglichen. Zu hoch sind oft die Kosten für Musikunterricht und Instrumentenmiete. Bislang hat der Bund die Musikförderung finanziell kaum unterstützt – vor allem im Vergleich zur Sportförderung: Achtzig Millionen Franken für Jugend und Sport stehen einer halben Million Franken für Jugend und Musik gegenüber. Es ist Zeit, das zu ändern. Auf dass die Jugend selbst entscheiden kann, wem sie den Marsch blasen soll und was sie mit dem Dreivierteltakt so alles anstellen will.
Franziska Meister

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