Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

Ein Apfel in jedes Kinderherz

Alles funktioniert, alles ist intuitiv benutzbar, alles ist kompatibel – in einem geschlossenen System, das ein einziger Konzern kontrolliert.

Von Franziska Meister

Illustration: Philip Schaufelberger

Der US-amerikanische IT-Konzern Apple ist dabei, den Bildungsmarkt zu erobern – von der Universität bis zum Kindergarten. Die Offensive geht weit über die Bildungsplattform «iTunes U» und die wachsende Zahl an für den Unterricht massgeschneiderten Apps hinaus: Apple will den gesamten Unterricht digitalisieren. Und in diesem Zug die eigenen mobilen Geräte – MacBook, iPad, iPod Touch und iPhone – in jedes Klassenzimmer und Kinderherz tragen.

Die Schweiz ist nicht nur das Land mit der höchsten iPhone-Dichte weltweit, hierzulande hat Apple auch an den Schulen einen Marktanteil von über siebzig Prozent. Eine wachsende Zahl an LehrerInnen lässt sich vom Konzern als «Apple Distinguished Educators» und «Apple Professional Developers» verpflichten und trägt den Unterricht mit iPad, iPod und iPhone in weitere Schulen (vgl. «Klassische Computer werden in den nächsten zehn Jahren aus den Schulen verschwinden»). Auch in sogenannten «Regional Training Centers», von denen es mittlerweile bereits acht gibt, können sich LehrerInnen im Umgang mit Apple-Programmen und -Geräten weiterbilden. Und mit «teachdifferent.ch» betreibt Apple eine Plattform für iPad-Schulen und -Projekte, auf der sich LehrerInnen online zu den verschiedenen Einsatzmöglichkeiten von mobilen Geräten für den Unterricht weiterbilden und austauschen können.

«Wir wollten nichts geschenkt»

Bei Apple Schweiz wird auf die eigene Website verwiesen – das «Education Team» gibt keine Interviews – und betont, dass die Apple-LehrerInnen und -Training-Centers unabhängig von Apple funktionierten.

Illustration: Philip Schaufelberger

Bereits heute ist allerdings klar: Wer auf mobiles Lernen setzt, kommt um Apple nicht herum – und kaum wieder aus dem System heraus. Dafür sorgt der Konzern mit seinem Rundumangebot von Hardware, Software und mediendidaktischem Input, bei dem alles untereinander und aufeinander abgestimmt ist. «Andere Anbieter wie Android sind bei Supportlösungen viel weniger bildungsorientiert», sagt Claudia Fischer von der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), Leiterin des Projekts «my-pad.ch», an dem sich mittlerweile 29 Schulen vom Kindergarten bis in die Sekundarstufe beteiligen. «Das ist auch das grosse Dilemma: Man begibt sich in die Abhängigkeit von einer einzigen Firma.»

Für das im Frühling 2011 von der FHNW initiierte Projekt wollte Fischer sowohl iPads als auch Tablets anderer Firmen, die mit dem Betriebssystem Android laufen, verwenden. Das scheiterte daran, dass es technisch nicht möglich war, eine kontrollierte Lernumgebung für Kinder zu erstellen. «Wir haben aber darauf geachtet, keinerlei Verpflichtungen gegenüber Apple oder andern Anbietern einzugehen», betont Fischer: «Wir wollten nichts geschenkt und nichts gesponsert.»

Bei «my-pad.ch» stehen nicht die Tablets an sich im Fokus, sondern das kooperative Lernen. «Es braucht zuerst didaktische Konzepte, bevor man Kindern solche Geräte überlässt», sagt die Projektleiterin. Die FHNW unterstützt die LehrerInnen mit didaktischen Unterrichtsideen und -materialien, die SchülerInnen schreiben in Medientagebüchern, wie sie mit den iPads arbeiten und was sie davon halten. Erste Umfragen unter den Kindern haben gezeigt, so Claudia Fischer, dass sie vor allem vier Dinge an den Geräten schätzen: Man kann sie überall hin mitnehmen, sie sind sofort betriebsbereit, lassen sich einfach mit den Fingern bedienen, und man kann auf ihnen in kleinen Häppchen lernen.

Die einfache und intuitive Handhabung der iPads habe sogar bislang technikresistente LehrerInnen zu überzeugen vermocht, sagt Fischer. Sie, die früher selbst als Lehrerin tätig war, ist überzeugt: «Diese mobilen Geräte besitzen ein grosses Potenzial für den Unterricht.» Gerade wenn es um offene Formen wie kooperatives Lernen gehe, bei dem der Frontalunterricht in den Hintergrund trete und die Lehrerin vermehrt als Coach unterwegs sei und die Kinder beim selbstgesteuerten Lernen begleite. «Ich glaube, das ist die Zukunft des Lehrens und Lernens.»

Alles ist gratis

Illustration: Philip Schaufelberger

Gleichzeitig dürfte es nicht einfacher werden, sich dem Dunstkreis von Apple zu entziehen. Zumal das Weiterbildungsangebot, mit dem der Konzern LehrerInnen an sich bindet, verlockend ist: Für «Apple Distinguished Educators» – und als solcher kann man sich jederzeit auf der Website von Apple bewerben – sind die in der ganzen Welt stattfindenden Kurse gratis. Zu bezahlen ist einzig der Flug, Apple kümmert sich um den Rest. Auch die allermeisten Apps im «iTunes U» sind kostenlos, inklusive der interaktiven Lehrbücher, die man seit diesem Jahr mit Apple-Software selber erstellen und auf der Plattform zur Verfügung stellen kann, sobald man sich dazu eine Lizenz des Konzerns besorgt hat.

Selbstredend funktioniert das alles ausschliesslich auf Apple-Geräten. So können nicht nur technisch und rechtlich komplizierte Abgleiche mit Betriebssystemen von andern Anbietern vermieden werden, die Kontrolle von Apple bleibt auch allumfassend und lückenlos.

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