Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

Verliebt in Otto Stich

Von Susi Stühlinger

Otto Stich war meine erste grosse Liebe. Es war 1991 in Schaffhausen, und vom Kulturboykott gegen die 700-Jahr-Feier der Schweiz hatte ich nichts mitgekriegt, denn ich war erst sieben Jahre alt. Meine Ballettlehrerin, die für die Feierlichkeiten eine Choreografie inszenierte, fand, dass es zum Auftakt schön wäre, wenn ein kleines Meitli ein Gedicht vortragen würde. Da ich mit dem Herunterleiern eines sieben Strophen langen Chrischtkindliepos an der letzten Samichlausfeier offenbar Eindruck hinterlassen hatte, wurde ich auserwählt.

Da stand ich also vor Otto und ein paar Hundert andren Leuten auf der Empore, mit Trachtenröckli und Blumenkranz im Haar, und deklamierte das «Vermahnlied an die Eidgenossenschaft»: «O usserwelte Eydgnoschafft, hab Gott vor Ougen Tag und Nacht …» Otto war ob der Darbietung sichtlich gerührt und zwinkerte mir aus der ersten Reihe ermutigend zu.

Jahre später, ich erinnerte mich nicht mehr an den grossen Auftritt, fand ich in der Schreibtischschublade meines Vaters eine von mir gemalte Zeichnung. Darauf war eine Biene mit Otto-Gesicht zu sehen und der Schriftzug: «Otto Stich ich glaube ich habe mich in Sie verlibt!»

Dann vergass ich alles wieder, und erst jetzt, wo er tot ist, kommt es mir wieder in den Sinn. Hätte ich mich auch in ihn verliebt, wenn ich gewusst hätte, dass seine Wahl die erste Frau im Bundesrat verhindert hat? Dass er den Bau neuer Atomkraftwerke guthiess? Aus Spargründen den Lötschbergbasistunnel verhindern wollte?

Nun, mit sieben war mir das wohl alles einigermassen egal. Und wer weiss? Vielleicht wäre ich heute ein anderer, ein erzbürgerlicher Mensch, hätte mir Otto damals nicht zugezwinkert. Vielleicht wäre es dann nicht so, dass ich heute zumindest grosse Sympathie für Otto empfinde, wenn ich mich frage: Würde ein Bundesrat heute noch in aller Öffentlichkeit für Steuererhöhungen einstehen? Und sich von den Banken nicht dreinreden lassen?

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