Nr. 11/2006 vom 16.03.2006

Hat da jemand gelacht?

Als Reaktion auf die Fichenaffäre rief die WOZ 1990 zusammen mit der Gruppe Olten die Kulturschaffenden auf, die 700-Jahr-Feier der Schweiz zu boykottieren.

Von Edith Krebs

Es gibt Zufälle, die keine sind. Am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer, einige Tage später, am 24. November, erfährt die Schweizer Öffentlichkeit, dass die Bundespolizei während Jahren und Jahrzehnten Personen und Organisationen aus dem linken Umfeld bespitzelt und 900 000 Fichen angelegt hat. Der Schock über die Schweizer «Stasi» sitzt tief, rund 300 000 Personen reichen in den folgenden Monaten ein Einsichtsgesuch ein, ein neu gegründetes Komitee, Schluss mit dem Schnüffelstaat, lanciert eine Volksinitiative für die sofortige Abschaffung der politischen Polizei.

Gleichzeitig laufen die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft (CH-91). Viele Kulturschaffende sind eingeladen, einen Beitrag beizusteuern. Den Zusammenhang zwischen der Staatsschutzaffäre und der 700-Jahr-Feier stellt als Erster der Präsident der Schweizer AutorInnengruppe Olten (GO), Andreas Balmer, her. In einem Brief vom 17. Januar 1990 an die Bundesräte Flavio Cotti und Arnold Koller schreibt er: «Es bietet sich ein eigenartiges Bild. Die CH-91-Kommission, ein staatliches Gremium, fordert die Kulturschaffenden enthusiastisch auf, nicht abseits zu stehen bei den Gedenkfeiern zum siebenhundertsten Geburtstag unseres Staatswesens, sie lädt uns ein, mitzudenken, mitzuschöpfen, ja sogar Utopien zu entwickeln, wach und kritisch. Auf der anderen Seite duldet es dieselbe Regierung, die diese Gedenkfeiern anregt, dass die politische Polizei schwarze Listen derjenigen Bürgerinnen und Bürger anlegt, die eben genau das tun, die nicht abseits stehen, die mitdenken, die den Begriff Demokratie wörtlich nehmen (...)» Kurz darauf zieht der Schriftsteller Gerold Späth ein bereits produziertes Hörspiel für die CH 91 zurück.

Abrechnung mit einer Epoche

Die ganze Geschichte mag heute reichlich antiquiert wirken, meint Fredi Lerch, langjähriger WOZ-Redaktor und damaliges Mitglied des Kulturboykottkomitees, heute. Der Boykott und die darauf folgende Debatte seien wohl zum spätestmöglichen Zeitpunkt erfolgt. Zwar sei das Verhältnis zwischen den kritischen Kulturschaffenden und dem Staat während des Kalten Krieges immer gespannt gewesen, doch erst das Zusammentreffen von Fichenaffäre und 700-Jahr-Feier habe das Fass zum Überlaufen gebracht. «Es war eben auch die Abrechnung mit einer ganzen Epoche, nur so kann man sich den Erfolg des Boykotts, aber auch die nachfolgende Ernüchterung erklären», meint Lerch nachdenklich.

Am 5. Februar publiziert die WOZ eine Erklärung einer Gruppe von SchriftstellerInnen aus dem Kreis der Gruppe Olten mit dem Titel «Keine Kultur für den Schnüffelstaat!». Zwei Wochen später folgt ein «Aufruf zum Schweigen» sowie eine Liste mit über 500 Unterschriften von Kulturschaffenden, die bereit sind, die 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft zu boykottieren, falls bis Ende des Jahres «nicht alle Registrierten volle Einsicht in Fichen und Akten erhalten und die Polizei ihrer Schnüffelaufgabe entledigt ist».

Bald wurde klar, dass diese Forderung nicht erfüllt werden würde. In der Frühjahrssession lehnten die Eidgenössischen Räte die Abschaffung der politischen Polizei ab. Der Drohung folgte ein Boykottaufruf «Ohne Wenn und Aber» - und löste ein gewaltiges, mehrheitlich kritisches Medienecho aus. Gespalten reagierten die Kulturschaffenden auf den Aufruf: Während viele von ihnen sich dem Boykott anschlossen, gab es auch solche, die sich dem «Konformitätsdruck» und dem «Gesinnungsterror» (Alexander J. Seiler), den der Boykottaufruf ausübe, nicht fügen wollten. «Sätze von Ihnen wie ‹in den neunziger Jahren wird es Kulturschaffende geben, die mitgemacht haben, und solche, die nicht mitgemacht haben›, lösen in mir Ängste und grässliche Erinnerungen aus», meinte die Schriftstellerin Claudia Storz. Andere wiederum, wie beispielsweise der Schriftsteller und Journalist Linus Reichlin, nahmen das Ganze unzeitgemäss locker: «Welche Selbstüberschätzung, denke ich jetzt, grassiert in gewissen SchriftstellerInnenkreisen, dass sie noch immer an die kritische Kraft ihrer Texte glauben, obwohl diese (...) seit je als Randerscheinung abgebucht worden sind.» Reichlin sah seine Boykottunterschrift als eine Bankrottunterschrift und nahm mit dieser Haltung eine Position voraus, die heute - fünfzehn Jahre später - wohl die geläufige ist.

Aus dem Mottensack der Ideologie

Die WOZ, ermutigt durch die anhaltenden Diskussionen, hatte Morgenluft geschnuppert und rief zu einem Kultursymposium auf. «Wie und in welchem Rahmen kann Kultur Kritik leisten? (...) Wie kann man überhaupt wieder anfangen, politische Kultur zu machen?», lauteten die Ausgangsfragen. In der WOZ-Literaturbeilage vom 5. Oktober, einer Art Grundlagenpapier für das bevorstehende Symposium, fanden sich illustre Namen und pointierte Positionen versammelt. «Unsere SchriftstellerInnen haben im Jahr, als es eine Öffentlichkeit gab wie noch nie, das Schreiben als ihren privatesten Teil exerziert», schrieb Isolde Schaad und erwähnte als Beispiel Urs Widmers Roman «Das Paradies des Vergessens». (...) und überhaupt: Schriftsteller und der Staat, der Intellektuelle und die Macht, hat da jemand gelacht? Sind das nicht Verpflichtungen aus dem Mottensack der Ideologie?», zündelte die Zürcher Schriftstellerin, die erst vier Jahre später wieder einige Liebesgeschichten veröffentlichte. «Was ‹Kultur der Dissidenz› heissen könnte, darüber muss nun geredet werden», forderte hingegen Fredi Lerch unmissverständlich.

Rund 500 TeilnehmerInnen nahmen dann am Kultursymposium von Anfang November teil, gleichzeitig im Schauspielhaus Zürich und im alternativen Kulturzentrum Rote Fabrik - ein Signal dafür, dass das Thema das ganze Spektrum der Kulturschaffenden betraf. Doch die erhoffte Wirkung wollte sich nicht einstellen. «Die Dissidenz ist in diesem Land noch wenig artikuliert und kippt im gemeinsamen Gespräch nur allzu schnell um in Larmoyanz, weg von den Grundsatzfragen, hin zu individuellen Bedürfnissen», hielten die Herausgeber der Buchpublikation «Der leergeglaubte Staat», der alle Dokumente im Zusammenhang mit dem Kulturboykott versammelt, im Nachhinein fest.

Der verluderte Staat

Am 15. März 1991 veröffentlichte die WOZ einen Brief von Max Frisch, dessen Fiche mehr als hundert Einträge zählte, an Marco Solari, den Delegierten der staatlichen 700-Jahr-Feier: «Wenn ich mit Ihnen von der Schweiz rede, so rede ich nicht von Landschaften (...), sondern ich meine den Staat, 1848 eine grosse Gründung des Freisinns, heute unter der jahrhundertelangen Dominanz des Bürgerblocks ein verluderter Staat - und was mich mit diesem Staat heute noch verbindet: ein Reisepass (den ich nicht mehr brauchen werde).» Drei Wochen später war Max Frisch tot. Friedrich Dürrenmatt, der sich nicht mehr direkt in den Kulturboykott eingemischt hatte, war drei Monate vorher, am 14. Dezember 1990, verstorben. In seiner Rede zu Ehren des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Vaclav Havel hatte er die Schweiz mit einem Gefängnis verglichen. «Um sich nun zu beweisen, dass sie freiwillig in ihrem Gefängnis sässen, habe jeder Schweizer auch noch die Rolle des Gefängniswärters übernommen: In der Schweiz bewacht jeder sich selbst», meinte Dürrenmatt in seinem letzten Interview mit der «Zeit» mit der Überschrift «Man stirbt. Und plötzlich blickt man zum Mond».

Mit dem Tod dieser beiden Schriftsteller, die sich immer wieder engagiert in das aktuelle Zeitgeschehen eingemischt hatten, ist auch die helvetische Debattenkultur eingeschlafen. Fast ein bisschen verzweifelt hatte Martin Heller im Sommer 2003 die Kulturschaffenden aufgefordert, sich mit der Expo kritisch auseinander zu setzen. Einzig Adolf Muschg meldet sich hin und wieder zu Wort, beispielsweise beim Protest gegen die Entlassung von Christoph Marthaler am Zürcher Schauspielhaus. Doch von einer «Kultur der Dissidenz», wie sie im Jahr 1990 beschworen wurde, kann keine Rede mehr sein. Der Kulturboykott war kein Zeichen des Aufbruchs, sondern markierte tatsächlich das Ende einer Epoche.

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