Nr. 41/2012 vom 11.10.2012

Welche Kasse sollen Sie wählen?

Bis Ende November hat man die Möglichkeit, seine Krankenkasse zu wechseln. Doch zu welcher soll man gehen, wenn nicht einfach zur billigsten? Gibt es solidarische Kassen und solche, die man aus politischen Gründen meiden sollte?

Von Susan Boos

Dieses Jahr steigen die Prämien der Grundversicherung um etwa drei Prozent. Der Internetvergleichsdienst www.bonus.ch rechnet vor, pro Versicherten liessen sich durchschnittlich 985 Franken pro Jahr sparen, wenn alle zur billigsten Variante wechseln würden. Die billigste aus den rund sechzig Krankenkassen herauszufiltern, ist nicht schwierig. Doch gibt es gute und schlechte Kassen? Die WOZ hat einige Fachleute aus der Branche gefragt, welche Kasse sie unter diesem Gesichtspunkt empfehlen würden.

Der Allgemeinpraktiker

«Es ist schwierig geworden, diese Frage zu beantworten. Die grossen Kassen wie CSS, Helsana oder KPT machen in meiner Praxis im Alltag wenig Probleme», sagt ein Allgemeinpraktiker. Bei den Billigkassen sehe es anders aus: «Wenn die Prämien tief sind, merkt man schon, dass sie bei den Leistungen versuchen zu bremsen.» Das Problem ist nur, dass die Billigkassen Tochterfirmen der grossen sind (vgl. «Billigkassen – Einheitskasse» im Anschluss an diesen Text). Ihr Ziel ist es vor allem, «gute Risiken», also Junge und Gesunde, anzuziehen, die kaum Kosten verursachen.

Es sei allerdings nicht einfach, einzelne Kassen an den Pranger zu stellen, merkt der Mediziner an, weil es oft vom Sachbearbeiter oder der Sachbearbeiterin in der Region abhänge, wie kulant sich die Kasse gebärde. Manchmal erlebe man bizarre Sachen: «Da wollen sie zum Beispiel bei den Hilfsmitteln sparen, zum Beispiel bei Inkontinenz, wenn jemand Höschen, saugfähige Binden oder Windeln braucht. Man müsste vielleicht zwei am Tag einsetzen, sie wollen aber nur eins bezahlen.»

Ärgerlich sei, dass es immer mehr Schreibaufwand bedeute, wenn Kassen Leistungen aus der Grundversicherung nicht bezahlen wollen: «Wenn man dann aber sauber argumentiert, weshalb jemand eine Therapie oder ein Hilfsmittel wirklich braucht, zahlen die Kassen gewöhnlich.»

Lungen- und Krebsliga

Bei der Lungenliga heisst es: «Wir arbeiten prinzipiell mit allen Kassen zusammen, wir geben keine Empfehlung ab, das ist nicht unsere Politik.»

Anders klingt es bei der Krebsliga. «Wir haben uns schon überlegt, eine schwarze Liste zu erstellen», sagt Rolf Marti, Leiter des wissenschaftlichen Sekretariats der Krebsliga. Bislang habe man aber davon abgesehen. Probleme gibt es laut Marti vor allem bei der Vergütung von Off-Label-Medikamenten, weil diese noch nicht auf der Spezialitätenliste des Bundesamts für Gesundheit aufgeführt sind und deshalb nicht von der Grundversicherung übernommen werden müssen. Manche Krankenkassen würden die Kosten dieser Medikamente trotzdem kulant übernehmen, andere nicht.

Auch Marti stellt fest: Sobald man sich bei den Kassen für die Kostenübernahme einsetzt, lasse sich viel bewegen. Für die OnkologInnen bedeute dies aber Zusatzaufwand, sagt Marti: «Sie ordnen eine Behandlung an – und müssen nachher mit den Kassen kämpfen, dass sie diese vergütet erhalten.»

Eine Empfehlung möchte Marti nicht abgeben.

PatientInnenstelle

Erika Ziltener, Zürcher SP-Kantonsrätin und Präsidentin des Dachverbands der Schweizerischen PatientInnenstelle, sagt unmissverständlich: «Ich würde keine Kasse empfehlen, die nebenher noch Billigkassen betreibt.» Konkret wären das: CSS, Helsana, Groupe Mutuel oder Sanitas. Ziltener rät auch vom Internetdienst Comparis ab, sie empfiehlt, für Prämienvergleiche die Website des Bundes zu nutzen (www.priminfo.ch). Comparis lässt sich nämlich für seine Dienste von den Kassen bezahlen.

«Bei Leuten mit einem schmalen Portemonnaie ist es nachvollziehbar, wenn sie zu einer Billigkasse wechseln. Man darf nicht die Versicherten dafür abstrafen, dass wir es politisch nicht schaffen, ein faires System aufzubauen», gibt Ziltener zu bedenken. Beim Wechseln müsse man unbedingt darauf achten, dass allfällige Zusatzversicherungen nicht an die Grundversicherung geknüpft seien.

Auch Erika Ziltener stellt fest, dass Interventionen der PatientInnenstelle viel bewirken. Sie erwähnt den Fall einer Kasse, die nach einer Brustkrebsoperation den Brustaufbau nicht bezahlen wollte, die Kosten aber übernommen hat, als die Einsprache der PatientInnenstelle beim Sozialversicherungsgericht behandelt wurde.

Ziltener sagt, Beratung sei sehr wichtig. Noch immer hätten viele ältere und finanziell schlechter gestellte Leute keinen Internetzugang, was den Kassenwechsel enorm erschwere. In diesem Bereich hilft die PatientInnenstelle, denn wer sich im Dschungel der Krankenversicherer nicht auskennt, kann schnell in massive finanzielle Schwierigkeiten geraten.

Gewerkschaft

Beat Ringger ist in der Gewerkschaft VPOD für den Gesundheitsbereich zuständig. «Da alle Kassen zur Konkurrenz untereinander gezwungen sind, haben sich die früheren positiven Unterscheidungsmerkmale – zum Beispiel Förderung der Komplementärmedizin – weitgehend abgeschliffen.» Er kenne deshalb nur Negativkriterien: zum Beispiel Kassen, die Risikoversicherte bewusst vergraulen, indem sie die Bezahlung einer Ernährungsberatung verweigern, damit die übergewichtigen Risikoversicherten doch möglichst die Kasse wechseln. Ringger hält aber den Wechsel in einem solchen Fall für zwiespältig: «Weil man dann genau das tut, was die Kasse will.»

Bezüglich Billigkassen und Franchise sagt er dasselbe wie Ziltener: Wer ein enges Budget habe, solle zur Billigkasse. Wer es sich leisten könne, solle die tiefste Franchise wählen. Die Rechnung von Bonus.ch stimmt nämlich nicht – gespart ist nicht einfach gespart. Denn wenn zum Beispiel ein Drittel der Versicherten gesund ist und die höchste Franchise wählt, fehlt Geld für die Behandlung – die Prämien werden damit weiter in die Höhe getrieben, und die Entsolidarisierung der Gesunden mit den Kranken schreitet weiter voran.

«Wenn man gesellschaftliche Kriterien einbeziehen möchte, gibt es leider keine gute Wahl, jede ist irgendwie falsch», sagt Ringger, aus dem Dilemma komme man nur mit einer Einheitskasse heraus.

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