Nr. 42/2012 vom 18.10.2012

«Gemeinsam ein neues Haus bauen»

Maxime Zuber ist Bürgermeister von Moutier. Der Sozialist und jurassische Autonomist will einen neuen Kanton gründen. Auch aus wirtschaftlichen Gründen.

Von Helen Brügger (Text) und Heini Stucki (Foto)

Maxime Zuber auf dem Platz vor der Gemeindeverwaltung von Moutier: «Politisch gesehen würde ein Zusammenschluss unseren Einfluss verzehnfachen.»

Maxime Zuber ist ein Kind des Juras. Sein Vater ist Schreiner, beide Eltern sind glühende AutonomistInnen. Nach dem Juraplebiszit von 1975, dem Nein der südlichen Bezirke zur Kantonsgründung, weinte seine Mutter, und er schwor, die Sache in Ordnung zu bringen.

Heute ist Zuber (49) Doktor der Mathematik und Bürgermeister von Moutier im Berner Jura. Und die «Sache» kommt vielleicht schon bald in Ordnung: «Ende 2013 werden wir die Möglichkeit haben, Ja zum Prinzip einer verfassungsgebenden Versammlung zu sagen.» Dies hält die Absichtserklärung fest, auf die sich im Februar 2011 die Berner und die jurassische Regierung geeinigt haben. Bei einem Ja würden die Bevölkerungen des Kantons Jura und des Berner Jura «gemeinsam an einem nachhaltigen und sozialen Modell» für den vereinigten Jura arbeiten. «Es geht nicht um einen Kantonswechsel des Berner Jura, sondern um einen neuen Kanton», erklärt Zuber. Falls die südlichen jurassischen Bezirke das Vorgehen ablehnen, haben die einzelnen Gemeinden die Möglichkeit, sich in lokalen Abstimmungen für den Kanton Jura zu entscheiden. 

Schon jetzt hat der Abstimmungskampf begonnen – mit ersten Misstönen. Zuber hat eben eine Absage von Force démocratique erhalten, der antiseparatistischen Bewegung im Südjura. Er wollte Anfang November an ihrem Kongress auftreten. «Schade, ich hätte nur gesagt, dass die Zeit des kriegerischen Gegeneinanders vorbei ist und wir die historische Gelegenheit nutzen sollten, um gemeinsam den Grundstein für ein neues Haus zu legen.»

Fünfmal hintereinander Bürgermeister

Als Student traf Zuber Roland Béguelin, den Vater der autonomistischen Bewegung, der ihm als Erstes eine Bananenschachtel voller Bücher in die Arme drückte. «Ich habe sie alle gelesen, Zehntausende von Seiten.» Dank Béguelin wird Zuber zum Autonomisten. Sozialist wird er, weil er weiss, was es heisst, wenn in einer kinderreichen Familie am Monatsende das Geld knapp wird. Und dank Stipendien des neu gegründeten Kantons Jura wird er Doktor der Mathematik und Professor an der Universität Neuenburg. 1993 fällt ihm die Ehre zu, Roland Béguelins Sarg zu tragen. Fünfmal hintereinander wird er zum Bürgermeister von Moutier gewählt.

Der Kampf für den Zusammenschluss zwischen dem Kanton Jura und den bernjurassischen Bezirken sei kein Kampf um die Identität und auch kein antikolonialer Kampf mehr, sondern wirtschaftlich und politisch notwendig, um als Region zu überleben. «Politisch gesehen würde es unseren Einfluss verzehnfachen», rechnet er vor und fährt Bundesrat Johann Schneider-Ammann an den Karren: «Als die UBS wackelte, brauchte es ein einziges Telefon, und die Eidgenossenschaft legte Milliarden auf den Tisch. Wenn aber ein Schweizer Spitzenunternehmen wie Tornos in Schwierigkeiten gerät, regt sich in Bundesbern gar nichts.»

Mehr Sozialist oder mehr Autonomist?

Im September hatte Drehmaschinenhersteller Tornos in Moutier 131 Leuten gekündigt. Praktisch am gleichen Tag legte die Gemeinde 150 000 Franken auf den Tisch, um den Entlassenen zu helfen. «Jede Entlassung bedeutet eine verzweifelte Familie», sagt Maxime Zuber, der nicht nur Geld aufgetrieben, sondern auch eine Taskforce für die Tornos-Entlassenen gebildet hat. «Unser Ziel ist es, dass die Leute schon vor Ende der Kündigungsfrist eine neue Stelle finden. Ich bin sicher, dass es klappt!» Zuber ist überzeugt, dass die Firma Opfer ihres Börsengangs geworden ist und die Zukunft jenen Firmen gehört, die ihre Entscheidungsinstanzen in der Region behalten und auf Wissen und Können der ansässigen Beschäftigten setzen. «Nicht zufällig geht es allen Betrieben der Gegend, die in der Hand von Hiesigen sind, trotz der Krise relativ gut.» Mit der Gründung eines starken neuen Kantons will Zuber dieser Politik in Zukunft tatkräftig nachhelfen.

Denn von Managern, die gut gehende Betriebe abzocken und dann mit den Taschen voll Geld abhauen, hat er die Nase voll. Als der deutsche Manager Martin Hellweg im Auftrag des britischen Hedgefonds Laxey die Giesserei Boillat in Reconvilier zerschlug, hat sich Zuber mit seinem ganzen Gewicht hinter die Streikenden gestellt. Der sonst so ruhige, friedfertige Bürgermeister wird heute noch heftig, wenn er über Hellweg spricht. «Er ist arrogant, herablassend, zynisch, voller Verachtung für alles, was nicht Geld und Profit bringt.»

Maxime Zuber ist Präsident des PSA, der autonomistischen SP des Berner Jura. Ist er mehr Sozialist oder mehr Autonomist? Für ihn gehe das eine nicht ohne das andere: «Der Sozialismus hat die Unabhängigkeit, die Autonomie des Menschen zum Ziel.» Also etwa: Sozialismus plus Autonomie gleich Gerechtigkeit plus Gleichberechtigung? Der Professor würde diese Formel seinen Studierenden sicher nicht als Fehler ankreiden.

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