Nr. 40/2013 vom 03.10.2013

Weshalb sind Sie Autonomistin?

Irma Hirschi kämpft seit den siebziger Jahren für ein gesellschaftliches Projekt – den Kanton Jura. Sie erklärt, wie sie von der Tochter probernischer BäuerInnen zur militanten jurassischen Separatistin geworden ist.

Von Helen Brügger (Text) und Ursula Häne (Foto)

Irma Hirschi mit «Jura, je t’aime»-Schirm aus dem Jahr 1970: «Wir hatten ein politisches Projekt, ein Projekt für eine neue Gesellschaft, über das wir Tag und Nacht diskutierten.»

WOZ: Irma Hirschi, was haben Sie am 23. Juni 1974, dem Datum des Plebiszits über die Gründung des Kantons Jura, gemacht?
Irma Hirschi: Ich war natürlich in Delémont, wo sich das ganze jurassische Volk auf dem Rathausplatz versammelt hat. Es regnete in Strömen, die Spannung war fast unerträglich. Und dann zeichnete sich eine Mehrheit für die Gründung eines neuen Kantons ab. Roger Schaffter, einer der Väter der Autonomiebewegung, fand die treffenden Worte: «Es regnet Freiheit.» Wir haben geweint vor Glück.

Sie waren 23 Jahre alt. War die Autonomiebewegung Familientradition?
Nein, gar nicht. Ich stamme aus einer Bauernfamilie mit acht Kindern. Meine Eltern waren Bernjurassier und überzeugte Proberner; wir wohnten in einem Dorf im Tal von Tavannes, also im Südjura. Mit zwanzig Jahren bin ich meiner grossen Liebe begegnet. Mein Freund war Separatist, das hat zu Spannungen mit meinen Eltern geführt. Ich bin dann von zu Hause ausgezogen, und wir haben in Moutier zusammengelebt. Die Stadt war nach dem Juni 1974 ein neuralgischer Punkt, zutiefst zerstritten zwischen Anhängern von Bern und Anhängern des Kantons Jura. 1975 kam es zu Strassenschlachten, Grenadiere besetzten die Stadt.

Ist es zum Bruch mit Ihren Eltern gekommen?
Es war ein Schock für sie. Stellen Sie sich vor: Ihre Tochter lebt unverheiratet mit einem Autonomisten, nimmt an Demonstrationen und Strassenschlachten teil, wird verhaftet … Während zwei bis drei Monaten haben wir uns nicht mehr gesehen. Dann bin ich nach Hause gegangen und habe gesagt: «Lasst uns doch trotz unserer unterschiedlichen Meinungen nicht im Streit leben!» Mein Vater hat mich umarmt und gesagt: «Ja, du hast recht.» Das rechne ich meinen Eltern hoch an, sie haben meine Meinung immer respektiert. Einmal, nach einer Abstimmungsniederlage, hat mein Vater angerufen und gesagt: «Ich denke an dich, du bist jetzt sicher traurig.»

Sie haben eine Ausbildung als kaufmännische Angestellte. War das Ihr Wunschberuf?
Bei uns hat man sich solche Fragen nicht gestellt. Wir waren viele Kinder und hatten wenig Geld. Für mich war es schon eine Chance, in die Sekundarschule gehen zu dürfen. Ich habe meinen Beruf ergriffen, um bald mal einen kleinen Lohn zu Hause abliefern zu können.

Sind Sie verheiratet?
Nein, aber ich lebe immer noch mit meiner ersten Liebe zusammen. Unsere Kinder kamen spät auf die Welt, der erste Sohn, als ich dreissig war. Unterdessen sind beide erwachsen.

Und Autonomisten?
Und Autonomisten, klar!

Was hat Sie in diesen Jahren vor und nach der Gründung des Kantons Jura am meisten geprägt?
Ich glaube, es war die geladene Atmosphäre, die Aufbruchstimmung. Alles war in Aufruhr, alles gärte. Wir hatten ein politisches Projekt, ein Projekt für eine neue Gesellschaft, über das wir Tag und Nacht diskutierten; wir waren jeden Abend auf der Strasse, aus lauter Angst, etwas zu verpassen. Ich muss gestehen, dass es für mich auch die Möglichkeit war, aus dem Alltagstrott einer kaufmännischen Angestellten auszubrechen.

Wie sind Sie zur Politik gekommen?
Wir waren von unserer Sache mitgerissen, da war es für mich selbstverständlich, Ja zu sagen, als man mich fragte, ob ich Sekretärin der Unité Jurassienne werden wollte, die sich den Beitritt des Berner Jura zum Kanton Jura zum Ziel setzte. In Moutier selbst gründeten wir die Liste Le Rauraque und stürzten damit 1982 die probernische Mehrheit in der Stadtregierung – die Stadt ist seither in unseren Händen. Nach der ersten Legislaturperiode bin ich aus der Stadtregierung zurückgetreten, um mich meinen Kindern zu widmen. Erst zwanzig Jahre später, als sie erwachsen waren, hat man mich angefragt, ob ich noch einmal für die Stadtregierung kandidieren würde. Diesmal auf einer Liste des Parti Socialiste autonome PSA. 2006 wurde ich dann auch ins Berner Kantonsparlament gewählt.

Neben der autonomistischen gibt es ja auch eine «normale» Sozialdemokratische Partei. Wie versteht man sich hüben und drüben?
Weder besonders gut noch besonders schlecht. Solange man nicht von der Jurafrage redet, gibt es kein Problem. Sonst wird es schnell heikel.

Am 24. November findet eine Abstimmung über ebendiese Jurafrage statt. Wie erleben Sie den Abstimmungskampf?
Wir wollen aufklären und überzeugen. Aber wir müssen den probernischen Kräften entgegentreten, die behaupten, es gehe um einen Anschluss an den Kanton Jura. Das ist nicht der Fall. Es geht um die Frage, ob eine verfassunggebende Versammlung gewählt werden soll. Diese würde die Konturen eines neuen Kantons Jura skizzieren, der aus dem bisherigen Kanton Jura und den südjurassischen Bezirken entstehen soll. Es ist, wie wenn man darüber abstimmen würde, ob und wie zwei Partner gemeinsam ein neues Haus bauen können.

Irma Hirschi (62) lebt in der Stadt Moutier im Berner Jura, ist Sekretärin des Mouvement Autonomiste Jurassien, Mitglied der städtischen Exekutive von Moutier und des Berner Kantonsparlaments. Das Mouvement Autonomiste Jurassien wirbt für die jurassische Vereinigung und die Gründung eines neuen Kantons Jura.

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