Nr. 42/2013 vom 17.10.2013

Warum ist ein grosser Kanton Jura besser als ein kleiner?

Irma Hirschi findet, die Interessen des Berner Jura wären bei einem neuen, grossen Kanton Jura besser aufgehoben als beim Kanton Bern. Sie gibt Beispiele – vom Schicksal des Freiberger Pferds bis zur Giesserei La Boillat.

Von Helen Brügger (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Ein neuer Kanton Jura würde den technischen und industriellen Geist der jurassischen Bevölkerung vereinen»: Irma Hirschi vor dem Stadthaus von Moutier.

WOZ: Irma Hirschi, im Kanton Jura sind zwischen 2001 und 2010 fast doppelt so viele Unternehmen gegründet und Arbeitsplätze geschaffen worden wie im Berner Jura. Wie erklären Sie sich das?
Irma Hirschi: Die Kantonsgründung im Jahr 1979 hat eine Dynamik ausgelöst, vor allem im industriellen Bereich. Dieser ist für unsere Gegend sehr wichtig, jeder zweite Arbeitsplatz ist ein industrieller. Für mich sind diese Zahlen der Beweis, dass eine Wirtschaftspolitik, die nahe bei den Menschen gemacht wird, stärker den Bedürfnissen entspricht.

Auch in der Landwirtschaft sieht es im Kanton Jura besser aus als im Berner Jura: Die Zahl der bäuerlichen Arbeitsplätze ist im Berner Jura um über 27 Prozent geschrumpft, im Kanton Jura nur um knapp 18 Prozent.
Die Unterstützung des Kantons Bern für den Berner Jura ist ungenügend. Nehmen wir etwa dieses wunderbare Pferd, den Freiberger. Eine jurassische Nationalrätin hat mehr Unterstützung für den Erhalt dieser Rasse verlangt. Wissen Sie, wie viele Berner Nationalräte dafür gestimmt haben? Gerade 6 von 25.

Weshalb kümmert sich Bern nicht mehr um den Berner Jura?
Die Berner Wirtschaftspolitik fördert den tertiären Sektor in den urbanen Zentren. Für unsere Gegend ist das nicht sinnvoll. Die Wirtschaftspolitik des Kantons Jura ist sehr viel stärker von einem politischen Willen geprägt, sie will Einfluss nehmen, Weichen stellen. Die bürgerliche Rechte im Bernischen beschreibt ihren Kanton als wirtschaftlich gesund und steuermässig attraktiv, weshalb der Berner Jura ihrer Ansicht nach bei Bern bleiben soll. In Bern selbst hingegen unterstützen die gleichen Leute drakonische Sparmassnahmen, die die Regierung unter Berufung auf die schlechte Wirtschaftslage durchsetzen will.

Können Sie Beispiele nennen?
Eine Vorlage, die im November im Kantonsparlament zur Diskussion steht, verlangt in den nächsten zwei Jahren die Einsparung von gegen 28 Millionen Franken auf Kosten von Behinderten. In einigen Heimen würde das bedeuten, dass die Behinderten schon um 18 Uhr ins Bett gebracht werden müssten. Oder dass sie nur noch Anrecht auf eine Dusche pro Woche hätten.

Ein anderes Beispiel ist die Arbeitslosenversicherung: Die Dauer der Bezugsberechtigung kann ja in Krisengebieten auf Antrag des Kantons verlängert werden. In den Kantonen Neuenburg und Jura kam das ohne Problem durch, im Berner Jura hatten wir die grösste Mühe damit. Ein drittes Beispiel: In allen Westschweizer Kantonen können die Frauen gratis Mammografien machen, auch im Kanton Jura. Im Berner Jura war das lange nicht der Fall. Meine Partei, der PSA, musste 4000 Unterschriften sammeln – jetzt können auch die bernjurassischen Frauen am Präventionsprogramm teilnehmen. Schliesslich hat sogar der Kanton Bern mitgezogen.

Im Jahr 2006 haben die Beschäftigten der Boillat in Reconvilier im Berner Jura gestreikt: Die Beschäftigten wollten die Giesserei retten, die in die Hände von spekulativen Finanzfonds und des sogenannten Restrukturierungsexperten Martin Hellweg gefallen war. Hätte der Kanton Jura mehr für die Rettung der Boillat tun können?
Der Kanton Bern hat überhaupt nichts getan. Ausser dass er Hellweg, nachdem dieser die Boillat zerschlagen hatte, als Lehrbeauftragten für Ökonomie an die Universität Bern berufen hat!

Möglicherweise hätte auch der Kanton Jura die Giesserei nicht retten können. Aber er hätte mit Sicherheit sein ganzes Gewicht bei der Eidgenossenschaft dafür eingesetzt, dass dieser gesamtschweizerisch einzigartige Vorzeigebetrieb unterstützt worden wäre wie damals die Swissair oder die UBS. Und wer weiss, er hätte vielleicht sogar Leute gefunden, die die Giesserei übernommen hätten. Denn es mangelte nicht an Angestellten mit einzigartigem Wissen und Können – und ebenso wenig an fähigen und engagierten Kadern in der Region. Doch Bern hat sich keinen Deut um die Boillat gekümmert. Ich kann Ihnen sagen: Das wird man so schnell nicht vergessen – im ganzen Jurabogen nicht.

Warum finden Sie einen grossen Kanton Jura besser als einen kleinen?
Ein neuer Kanton Jura mit sechs Bezirken wäre ein neuer Westschweizer Kanton mit 120 000 Einwohnern auf einem wirtschaftlich und kulturell homogenen Gebiet, das den technischen und industriellen Geist der jurassischen Bevölkerung vereinen würde. Die ganze Wirtschaft der Region würde davon profitieren.

Könnten Sie sich nicht auch eine verstärkte Zusammenarbeit im Jurabogen, die Entwicklung einer wirtschaftlich spezialisierten Region vom Kanton Waadt über Neuenburg und den Berner Jura bis zum Kanton Jura vorstellen?
Diese Zusammenarbeit mit den Romands gibt es bereits – nur wir sind davon mehr oder weniger ausgeschlossen. Für mich gibt es da keinen Widerspruch. Im Gegenteil: Der neue Kanton könnte sein ganzes Gewicht für die Entwicklung einer solchen Region in die Waagschale werfen.

Irma Hirschi (62) lebt im Berner Jura, ist Mitglied des Berner Kantonsparlaments, findet aber 
die kantonale Wirtschaftspolitik ein Desaster 
für ihre Heimat. Als Sekretärin des Mouvement autonomiste jurassien und Mitglied der autonomistischen SP im Berner Jura, des PSA, setzt sie ihre Hoffnung auf die Neugründung 
des Kantons Jura.

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