Nr. 44/2012 vom 01.11.2012

Blockiert in Selbstzufriedenheit

Was denken die Stromanbieter über die neue Energiepolitik des Bundes? Eine Debatte unter drei Exponenten der Stromwirtschaft, die sich gar nicht einig sind.

Von Susan Boos

Es waren die Grösste, die Klassenbeste und ein Nachwuchstalent dabei. Eingeladen hatte die Schweizerische Energiestiftung, um auszuloten, wie die Stromwirtschaft über die neue Energiestrategie von Bundesrätin Doris Leuthard denkt. Man traf sich am Dienstagabend in Zürich, der Saal war rappelvoll.

Die Grösste, die Stromversorgerin Axpo, war vertreten durch Niklaus Zepf, Leiter Unternehmensentwicklung. Die Axpo gehört den Kantonen der Nordostschweiz, beliefert ein Drittel des Landes mit Strom. Sie betreibt die AKWs Beznau I/II und verfügt über diverse Wasserkraftwerke.

Das Nachwuchstalent, das Stadtwerk Winterthur, wurde von Markus Sägesser repräsentiert. Es bezieht heute fast allen Strom direkt von der Axpo, will aber künftig stark in Wind- und Solarenergie investieren, um in Zukunft Winterthur mit fünfzig Prozent erneuerbarem Strom zu versorgen.

Die Industriellen Werke Basel (IWB) gelten als die Besten im Land, weil sie als Reaktion auf den geplanten AKW-Neubau in Kaiseraugst schon vor dreissig Jahren den Atomausstieg beschlossen und auch vollzogen haben. Beat Jans war an diesem Abend als IWB-Verwaltungsrat und Basler SP-Nationalrat dabei.

Axpo-Mann Niklaus Zepf hatte den schwierigsten Part inne, denn wenn die Energiewende optimal klappt, wird Strom künftig vor allem dezentral produziert. Die Axpo, die vor allem von ihren grossen Anlagen und dem Stromhandel lebt, müsste zwangsläufig schrumpfen.

Schwierige Liberalisierung

Zepf äusserte sich sehr zurückhaltend zu den Ideen von Leuthards Departement. Die Axpo werde es aber auch künftig brauchen, ist er überzeugt: «Der Stromhandel wird zunehmen und komplexer werden, da die vorgeschlagene Strategie klar auf mehr Stromimporte hinauslaufen wird. Da braucht es grosse Unternehmen wie die Axpo, die Erfahrung mit Stromhandel haben.» Zepf klagte, es sei schwierig, eine stabile, kostengünstige Stromversorgung bereitzustellen, wenn jedes Jahr die Spielregeln geändert würden.

Beat Jans meinte, da müsse er schon widersprechen, die IWB hätten seit langem eine klare, nachhaltige Strategie und führen ausgezeichnet damit.

Basel-Stadt belohnt mit einer Lenkungsabgabe KonsumentInnen, die Strom sparen. Das Bundesamt für Energie möchte etwas Ähnliches landesweit umsetzen. Als Vorbild gilt das «Decoupling»-Modell von Kalifornien, wo der Stromversorger verpflichtet wird, kontinuierlich seinen Stromabsatz zu verringern – was eigentlich jeder ökonomischen Logik widerspricht. Stromversorger verdienen ja mehr, wenn sie mehr Strom verkaufen. In Kalifornien wird deshalb der Anbieter finanziell belohnt, wenn er weniger verkauft. Das schafft er, indem er dafür sorgt, dass seine KundInnen effiziente Geräte einsetzen. Das Modell funktioniert, weil es nur einen Anbieter gibt. In der Schweiz wäre dies kaum umsetzbar, da der Markt für Grosskunden bereits liberalisiert ist und bald für alle geöffnet werden soll. Die KundInnen können danach jederzeit den Anbieter wechseln. Jans schlug vor, dass vielleicht die Sparvorgaben über die Netzbetreiber laufen müssten, doch blieb am Ende offen, wie das in einem liberalisierten Markt real abgewickelt werden soll.

Zu tiefe Preise

Markus Sägesser vom Stadtwerk Winterthur scheint indes den neuen Strommanager zu verkörpern, der vergnügt in eine neue Energieepoche aufbricht. Und er sagte einige deutliche Worte über die Stromwirtschaft: «Sie war während Jahrzehnten blockiert von ihrer Selbstzufriedenheit.» Man habe sich mit den sechzig Prozent Wasserkraft und vierzig Prozent Atomstrom gemütlich eingerichtet: «Das führte zu einem Innovationsstau.» Die Kostendeckende Einspeisevergütung, mit der der Bund den Zubau von erneuerbaren Stromanlagen subventioniert, hätte eigentlich die Stromwirtschaft selber übernehmen müssen. «Doch sie hat es vorgezogen, den KundInnen sensationell tiefe Preise anzubieten.» Deshalb hat die Schweiz europaweit die tiefsten Strompreise, und die Leute haben sich daran gewöhnt, dass der Strom billig ist. Viel klüger wäre es gewesen, so Sägesser, die Stromwirtschaft hätte die Gelder sukzessive investiert, um eine moderne, nachhaltige Versorgung aufzubauen.

Axpo-Mann Niklaus Zepf schwieg dazu.

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