Nr. 44/2012 vom 01.11.2012

Dann und wann eine programmierte Irritation

Die Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft verwischen. Nun wird ein neues Format gefeiert: die interdisziplinäre Konferenz. Notizen am Rande einer solchen im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee.

Von Adrian RiklinMail an AutorIn

Jetzt hat also auch das Format der Konferenz Kunst- und Kultstatus erlangt. Zu diesem Schluss jedenfalls kommt man beim Studium der E-Mails, die man dieser Tage auf Kulturredaktionen empfängt. Von überall her wird aufgerufen, doch unbedingt an einer dieser Konferenzen teilzunehmen. Und geflissentlich darüber zu berichten.

Vor lauter Dringlichkeiten kann einem ziemlich schwindlig werden dabei. Die Einladungen und Programme zu den unzähligen diskursiven Veranstaltungen sind vorwiegend in englischer Sprache verfasst. Die Texte, die einen so inständig aus Gedanken reissen, sind inter- oder gar transdisziplinär: ein überaus hochprozentiger, nachgerade liquider Mix mit soziologischen und werbesprachlichen Zutaten. Viele der Begriffe, die sich gerade auch in den kunsthochschulischen Theorieabteilungen etabliert haben, schmecken zunächst eher linksintellektuell. Beim genaueren Degustieren jedoch entlarvt sich das revolutionäre Gebräu als integraler Bestandteil eines Zeitgeists, der sich ebenso aus Einladungen zu eher neoliberalen Think Tanks lesen liesse.

Veränderung: wozu – und für wen?

Und immer glitzert es ein wenig. Gerade erst zum Beispiel in Weimar, wo Theaterregisseur Milo Rau zur grossen szenischen Konferenz «Power and Dissent» herbeizitierte. Und nun also sind im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee die einstigen Stallungen zur kryptisch betitelten «interdisciplinary conference» geöffnet. Entwickelt und inszeniert wurde «reART:theURBAN» im Theorielabor der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) – unter der künstlerischen Leitung von Imanuel Schipper, bezeichnenderweise einem Dramaturgen. Am Anfang der dreitägigen Monsterperformance aus rund siebzig Vorträgen, Diskussionen, Workshops und Interventionen mit über hundert Vortragenden und PerformerInnen (inklusive des Philosophen Slavoj Zizek als des eigentlichen Superstars) stehen Ausgangsfragen wie zum Beispiel: Was können die Künste für die Urban Society tun? Was ist die Relationship zwischen Kunst als Ästhetik und Kunst als Politik? Wie können Künste eine kritische Perspektive ermöglichen? Was kann uns künstlerische Research Neues über die Cities zeigen?

Bereits die Ausgangsfragen verweisen darauf, wie wertneutral die Rolle der Künste vorausgesetzt wird. Zur Disposition stehen nicht primär ihre Funktionen im Hinblick auf eine zu erstrebende Form von Gesellschaft – hin zur gerechteren Stadt zum Beispiel. Es geht nicht um eine bestimmte Veränderung der Verhältnisse – es geht um Veränderung an sich. Dieser leere Begriff wird durchwegs positiv besetzt. Veränderung wird mit Fortschritt gleichgesetzt. Als ob nicht der Neoliberalismus auch durch kulturelle Veränderungen angetrieben worden wäre.

Gezähmte Künste

Diese affirmative Haltung gegenüber Veränderung an sich könnte man mit Unvoreingenommenheit umschreiben; andererseits kann man mit ebenso guten Gründen den Verdacht schöpfen, dass sich gerade in solcher Ideologielosigkeit eine (unbewusste) Ideologie versteckt: dass es in erster Linie nicht um Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse geht, sondern um einen grösseren Einfluss der Kunst in der Gesellschaft oder zumindest eine durchlässigere Wechselbeziehung. In die forcierte Popularisierung zeitgenössischer Künste verkriecht sich aber auch ihre Beliebigkeit – darin wiederum verbirgt sich womöglich die grösste Gefahr, die von ihnen ausgeht: zertifizierte Nivellierung.

Und schon befinden wir uns mitten in der verflixten Widersprüchlichkeit: Einerseits wird auf allen realen und virtuellen Kanälen, in Workshops und Table Talks permanent diskutiert, wie mit künstlerischen Mitteln in die Gesellschaft eingegriffen und öffentliche Räume für ein gemeinsames kritisches Reflektieren ermöglicht werden könnten – gleichzeitig wird die Widerspenstigkeit der Kunst durch ebendiesen immer exzessiveren Gebrauch ihrer Mittel in immer mehr Bereichen der Gesellschaft fortlaufend abgeschliffen (nicht zuletzt durch den Zwang des Punktesammelns, dem auch KunststudentInnen ausgesetzt sind). Die Gefahr besteht also in zweierlei Hinsicht: dass die Gesellschaft die Künste gerade dadurch zähmt, indem sie sie permanent zu künstlerischen Irritatiönchen auf diverse Bootsfahrten einlädt; und dass sie ihre eigene Unhinterfragtheit verdeckt, indem sie bald alles und jedes präventionshalber mit einer Prise kritischer Kunst würzt.

Die vergessene Provinz

Auf wessen Dampfer und mit welchem Ziel also üben wir uns in fortschrittlicher Gestik? Es wäre ungerecht, die Konferenz in der Zürcher Gessnerallee allein aufgrund ihrer Aufmachung zu bewerten. Das Anhören einiger Vorträge genügte, um eine Ahnung der Ernsthaftigkeit zu erhalten, die viele ReferentInnen in die Gessnerallee brachten.

Ungemein inspirierend etwa – um mit «From Aesthetics to Politics: What Is the Relationship Between Arts as Aesthetics and Arts as Politics» nur eine der fast siebzig Denk- und Diskussionsräume zu nennen –, wie Jens Badura vom Institut für darstellende Künste und Film an der ZHdK über die «Emanzipation der sinnlichen Erkenntnis» referierte und die Hamburger Soziologin Gabriele Klein unter der Frage «How Can the Artistic Body Be/Become a Political Body» einen tanzwissenschaftlich inspirierten Streifzug durch soziale Figurationen in urbanen Räumen machte und dabei auch auf unterschiedliche Voraussetzungen für soziale Bewegungen in den jeweiligen Gesellschaften einging.

Was in vielen Diskussionen vernachlässigt wird, sind andere Fragen: Wie steht es um die Unabhängigkeit von Kunst und künstlerischer Forschung nicht nur gegenüber staatlichen, sondern auch gegenüber marktwirtschaftlichen Einflussnahmen? Inwieweit unterscheiden sich ihre Rollen in Diktaturen von jenen in (Post-)Demokratien? Wohin führt das, wenn Strategien und Ästhetiken von Protestbewegungen zu Werbezwecken, als Feigenblatt für den Kapitalismus, missbraucht werden? Welche Verantwortung tragen dabei KünstlerInnen? Wie steht es bei all der Virtualisierung um die realphysische Auseinandersetzung, und was machen wir bei all der Fokussierung auf urbane Zentren mit der sogenannten Provinz?

Standortfaktor kritische Theorie?

Es wären Fragen, die am Anfang einer Folgekonferenz stehen könnten. Ernst genommen wird Kunst erst, wenn sie (selbst)kritisch befragt wird, gerade auch bezüglich ihrer verborgenen Instrumentalisierbarkeit. Dazu aber braucht es nicht ein dreitägiges Monsterprogramm mit Veranstaltungen bis zur Besinnungslosigkeit. Dazu braucht es auch Platz für ein Schweigen, in dem gemeinsam gedacht wird, und Freiraum für Diskussionen, die ausufern können: Zeit und Raum, um gemeinsam zur Besinnung oder auch in einen Zustand der produktiven Unruhe zu kommen.

Ansonsten verkommt die Kunst noch mehr zu dem, was speziell in Zürich seit einigen Jahren zu beobachten ist: zeitgenössische Kunst, Kunstvermittlung und am Ende gar kritische Theorie als nervöse Zuträgerinnen falsch verstandener «Aufwertung» im globalen Standortwettbewerb.

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