Nr. 50/2012 vom 13.12.2012

Ein Zürcher im Rahmen der Welt

Forschung und Aktivismus: Kaum jemand kennt die Zürcher Stadtentwicklung so gut wie Richard Wolff. Wird er zum Stadtrat gewählt, möchte er die Abhängigkeit vom Finanzplatz verkleinern.

Von Kaspar Surber (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

In immer neuen Netzwerken gearbeitet: Richard Wolff auf der Terrasse des Zürcher Kraftwerks.

In Zürich blieb er, weil er nicht schon wieder zügeln wollte. Während eines Teils der Kindheit lebte Richard Wolff in Venezuela, wo der Vater als Textilfachmann arbeitete, seine Dissertation in Geografie schrieb er über die Entwicklung rund um den Londoner Bahnhof King’s Cross, später gründete er mit anderen das internationale Stadtforschungsnetzwerk Inura. In Zürich blieb er aber auch, weil es vor der Haustür plötzlich «spannend» wurde, weil man etwas «machen, ändern» konnte: Nach dem Opernhauskrawall 1980 war Wolff an fast jeder Demo. «Zürich im Rahmen der Welt», das wurde sein grosses Thema. «Ich lebe davon, dass ich Zürich kenne und mich die Leute kennen.» Jetzt also die Kandidatur für den Stadtrat.

Richard Wolff sitzt zwischen Architekturbüchern in der Genossenschaft Kraftwerk, einer gebauten Utopie für Wohnen und Arbeiten mitten im Geschäftsviertel Zürich West. Er erzählt fast flüsternd, als gelte es, das Summen der Tramleitungen nicht zu überhören. Wolff wirkt neugierig auf jede Veränderung in der Stadt.

«Lange, lange, lange» habe er sich die Kandidatur überlegt. Eine der Einsichten aus der Jugendbewegung war schliesslich der Zusammenhang zwischen Wissen und Herrschaft: Ein Videofilm von EthnologiestudentInnen über den Opernhauskrawall wurde konfisziert, lagerte erst im Tresor des Rektors, dann behändigte ihn die Polizei. Statt zur Aufklärung der StadtbewohnerInnen diente er nun den Ermittlungen der Staatsmacht. Wolff blieb immer ausserhalb der Institutionen, auch seine jüdische Herkunft hat ihn geprägt, nicht religiös, aber doch politisch: «Sie gab mir ein Gefühl für die Diskriminierung von Minderheiten und Randgruppen.»

Vor zwei Jahren wurde er auf der Alternativen Liste überraschend in den Gemeinderat gewählt, letzte Woche an der Parteiversammlung setzte er sich in der internen Ausmarchung deutlich gegen Walter Angst durch. Das Amt als Stadtrat würde sich der 55-Jährige zutrauen, «fachlich, nervlich, kollegial». FDP-Kandidat Marco Camin, der in der Wahl am 3. März den abtretenden Martin Vollenwyder ersetzen soll, hängt bereits an den Plakatwänden, die Grünliberalen werden noch nominieren. «Die Chancen betragen ein Drittel», sagt Wolff. Doch zuerst gehe es darum, kritische Positionen in den Wahlkampf zu tragen: Er kandidiert, weil er über die Stadtentwicklung diskutieren will.

Wolff hatte dazu schon immer etwas zu sagen, auch mit unkonventionellen Mitteln: in den Achtzigern mit der Agitprop-Show «Von Escher bis Wagner», die die Zürcher Geschichte vom kapitalistischen Alleinherrscher bis zu U-Bahn-Plänen nachzeichnete. Sie feierte auch im Ausland Erfolg. Wolff brachte den definitiven Betrieb der Roten Fabrik durch eine Volksabstimmung. Später erstritt er mit dem VCS und der Stadt vor dem Bundesgericht flankierende Massnahmen gegen die Auswirkungen der Westumfahrung.

«Mit Freunden», diese Formulierung fällt häufig im Gespräch. Wolff hat das alles nicht allein gemacht, sondern in immer neuen Netzwerken. «Ich lebe in Genossenschaften», sagt er. Mit seiner Familie wohnte er in einer Gross-WG in Wipkingen, bis die Kinder auszogen.

Diesen Herbst erhob Wolff Einspruch gegen den Kunsthaus-Neubau: Zu simpel sei es nur um einen Leuchtturm im Standortwettbewerb gegangen. «Die Auseinandersetzung war zu wenig vertieft.» Zürich rühme sich gerne, fast bis nach Basel und in die halbe Ostschweiz zu reichen. Doch das Kunsthaus, der Polizeipalast, das Fussballstadion, alles werde in einem kleinen Geviert geplant. «Wenn Zürich eine Metropole sein will, müssen wir sie auch so denken und nicht wie eine mittelalterliche Kleinstadt, die sich gegen Kloten oder Dübendorf wehrt.»

«New Metropolitan Mainstream», so heisst eines der jüngsten Projekte des Stadtforschungsnetzwerks Inura. Dabei werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede von mehr als dreissig grösseren Städten weltweit verglichen. Gemeinsam ist den meisten, dass sie Knotenpunkte der globalisierten Wirtschaft sind, mit der Gentrifizierung als Folge, oder, wie Wolff verdeutlicht, «der Verdrängung der Armen und der unteren Mittelklasse von den guten Lagen». Das gilt auch in Zürich, einem Knotenpunkt des heute weltweit dominanten Finanzsystems. «Ein Unterschied zu anderen Städten ist für Zürich der, dass hier der genossenschaftliche und städtische Wohnungsbau stark ist.»

Die Abhängigkeit vom Finanzplatz will Wolff im Wahlkampf thematisieren. «Der Wohlstand ruht auf zu wenigen Pfeilern», erklärt er. Besser wäre es, die Kreativwirtschaft mehr zu fördern, Nischen zu ermöglichen. «Ich glaube, dass das Gewerbe hier ein Partner ist.» Und wie will er die WählerInnen auf dem Zürichberg überzeugen? «Ich glaube, auch die machen sich Gedanken über die künftige Wirtschaft», antwortet Wolff mit der ihm eigenen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Schalk. Der Zürcher Wahlkampf ist damit inhaltlich lanciert.

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