Nr. 02/2013 vom 10.01.2013

Warum das Schweigen?

Der Journalist Kurt Marti hat seine Recherchen zum Walliser Filz zwischen Politik, Wirtschaft und Justiz in einem Buch veröffentlicht. Die Lokalpresse hat bisher nicht darüber berichtet. Die Leute interessiert es trotzdem.

Von Susan Boos (Text) und Ursula Häne (Foto)

Kurt Marti: «Gewöhnlich wird mein Name in den Walliser Medien konsequent nicht erwähnt.»

WOZ: Kurt Marti, man nennt Sie im Wallis «Nestbeschmutzer». Wie lebt sich mit einem solchen Ruf?
Kurt Marti: Ganz gut. Ich nehme diesen «Ehrentitel» dankbar entgegen als Beweis dafür, dass ich meine Arbeit als kritischer Journalist erfüllt habe.

Zehn Jahre lang waren Sie Redaktor der «Roten Anneliese», des einzigen unabhängigen Mediums im Wallis. Ein Teil der Geschichten, die sie für die «Anneliese» recherchiert haben, sind nun unter dem Titel «Tal des Schweigens» in Buchform erschienen. Das Buch liest sich wie ein Report über eine Bananenrepublik.
Als ich meine Recherchen für das Buch nochmals durchgearbeitet habe, kam mir schon manchmal der Gedanke: Kann das wirklich alles wahr sein? Es ist schon starker Tobak, wenn man diese Geschichten in konzentrierter Form vor sich hat. Die Vetternwirtschaft und der Parteifilz sind im Wallis sehr stark ausgeprägt. Sicher gibt es das auch in anderen Regionen der Schweiz, aber im Wallis zeigt es sich verschärft.

Weshalb?
Im Wallis mangelt es an gegenseitiger politischer Kontrolle, an «checks and balances», weil das Wallis seit 155 Jahren vom Mehrheitssystem der CVP dominiert wird. Im Sonderbundskrieg hat sich das Wallis gegen die Einführung des Rechtsstaats und der Demokratie mit Waffengewalt gewehrt. Die Bundesverfassung von 1848 und die Totalrevision von 1874 wurden massiv verworfen. Dank der antiaufklärerischen Propaganda der katholischen Kirche. Diese historischen Ereignisse ziehen ihre verhängnisvollen Bremsspuren bis heute.

Wie läuft es mit Ihrem Buch? Noch hat keine Walliser Zeitung eine Rezension gebracht. Immerhin hat der «Walliser Bote» in seiner Agenda auf eine Lesung von Ihnen hingewiesen.
Der kurze Hinweis im WB war sicher ein Versehen! (Lacht.)

Ist der «Walliser Bote» so rigide?
Gewöhnlich wird mein Name konsequent nicht erwähnt. Anfang November fand zum Beispiel in Brig das Berg-Buch-Festival statt. Ich war für eine Lesung eingeladen, der Saal war voll und das Buch verkaufte sich gut.

Aber kein einziges Walliser Medium – ausser dem Regionaljournal des Schweizer Radios – hätte diese Veranstaltung auch nur mit einem einzigen Wort erwähnt. Am Tag zuvor hatte der SVP-Nationalrat Oskar Freysinger aus seinem «Löwenzahn»-Buch gelesen. Er hatte deutlich weniger Zuhörer und hat weniger Bücher verkauft, doch die Walliser Medien berichteten alle ausführlich darüber. Die SVP ist offenbar im Wallis salonfähig – im Gegensatz zu mir.

Vielleicht war niemand von der Presse an Ihrer Veranstaltung?
Der Chefredaktor des «Walliser Boten» sass im Publikum und hat sich laut Augenzeugen reichlich Notizen gemacht. Mit dem erneuten Schweigen wurden die Oberwalliser Medien ihrem Ruf vollauf gerecht, namentlich der WB, aber auch die «RhoneZeitung», das Regionalfernsehen Kanal 9 und das regionale Radio Rottu Oberwallis: Was nicht genehm ist, wird totgeschwiegen.

Ursprünglich sind Sie Luzerner. Wie kamen Sie ins Wallis?
Meine Eltern hatten im Napfgebiet einen Bauernhof. Mein Vater war ein Luzerner, meine Mutter kam aus Obergesteln im Goms. Als der Bauernhof der Eltern meiner Mutter frei wurde, zogen meine Eltern ins Wallis. Ich war damals knapp zweijährig. Sobald ich ein Werkzeug in der Hand halten konnte, musste ich auf dem Bauernhof mitarbeiten. Es war eine harte, aber dennoch eine schöne Kindheit. Ab dreizehn war ich jeden Sommer auf der Alp. Von morgens vier bis abends zehn Uhr wurde gearbeitet. Es war streng, aber gut bezahlt: Schon als Dreizehnjähriger verdiente ich auf der Alp 3000 Franken.

Wie fanden es Ihre Eltern, dass aus Ihnen ein linker, kritischer Geist wurde?
Meine Eltern waren sehr liberal und liessen mich gewähren. Ich konnte in Brig ans Kollegium, wie das Gymnasium im Oberwallis heisst. Das Kollegium galt als Sprungbrett für eine akademische Karriere. Meine Eltern haben mich aber nie zum Studium gedrängt. Ich hätte auch Mechaniker werden können. Später habe ich in Bern Physik und Philosophie studiert, weil mich sowohl die Natur- als auch die Geisteswissenschaften interessierten. Ich konnte mich einfach nicht entscheiden. Abgeschlossen habe ich das Studium in Luzern mit dem Lizenziat in Philosophie.

Im Moment treibt der Amoklauf im Walliser Dorf Daillon die Schweiz um. Da schiesst ein 33-Jähriger um sich und tötet drei Menschen. Was ist da los?
Auf den ersten Blick ist das eine Tat, die überall hätte passieren können. Dennoch gibt es ein paar Voraussetzungen im Wallis, die eine solche Tat begünstigen: die Kälte einer geschlossenen Gesellschaft gegenüber Aussenseitern ohne Familie und Verein, die katholische Doppelmoral, der grosszügige Umgang mit Alkohol, das mangelhafte Vormundschaftswesen und der saloppe Umgang mit Waffen aller Art.

Kurt Marti (52) war von 2000 bis 2010 Redaktor der «Roten Anneliese». Heute ist er freier Journalist und Mitglied der Redaktionsleitung der Internetzeitung Infosperber. Im vergangenen Herbst ist im Rotpunktverlag sein Buch «Tal des Schweigens. Walliser Geschichten über Parteifilz, Kirche, Medien und Justiz» erschienen.

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