Nr. 04/2013 vom 24.01.2013

Sechzig Leute für eine Miniszene

Regula Begert ist Aufnahmeleiterin und Location Scout. Sie hält der Regie den Rücken frei, reduziert das Chaos auf ein Minimum und behält im Gewusel des Filmdrehs den Überblick. Motive sucht sie am liebsten mit dem Velo.

Von Sarah Stähli

«Auf einem Filmset gibt es zwar mehrere Häuptlinge, aber gleichwohl vor allem Indianer», bringt es Regula Begert pragmatisch auf den Punkt. Begert ist eine dieser Indianerinnen. Als Location Scout und Aufnahmeleiterin ist sie für den reibungslosen Ablauf der Dreharbeiten zuständig und für die Motivsuche vor Drehbeginn.

Ihr momentanes Tummelfeld: der Strassenstrich am Sihlquai in Zürich. Der Episodenfilm «Traumland» von Petra Volpe zeigt 24 Stunden im Leben einer jungen Prostituierten inmitten des Weihnachtstrubels. «Der Dreh am Sihlquai ist besonders heikel, da wir neben den Statistinnen auch mit echten Prostituierten und Freiern zu tun haben. So eine befahrene Strasse kann man nicht einfach absperren. Schon gar nicht für einen Low-Budget-Film», erklärt die Aufnahmeleiterin. So muss vorderhand mit der Polizei und der Prostituiertenberatungsstelle Flora Dora verhandelt werden. «Ich mag den Kontakt zu diesen unterschiedlichen Behörden und den Einblick in immer neue Bereiche. Du hast vom Bankdirektor bis zum Bergbauern mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun.»

Als Location Scout beginnt für sie die Arbeit nach Erhalt des Drehbuchs, lange vor Drehbeginn. Ob eine Bonzenvilla oder eine verruchte Zürcher Szenebeiz – in Regula Begerts über fast zehn Jahre angelegter Fotokartei findet sich bestimmt etwas Passendes. «Ortskenntnisse und ein gutes Kontaktnetz sind das A und O für meinen Job.» Deshalb würde sie ihre Arbeit auch nicht im Ausland ausführen. Für internationale Produktionen, die teilweise in der Schweiz spielen, arbeitet sie jedoch immer wieder. Etwa bei «The Girl with the Dragon Tattoo» von David Fincher. «Da sind dann sechzig Leute für eine Miniszene zuständig. Hollywood ist nicht so mein Ding, weil man am Ende nur noch administriert und kaum noch selber ‹an der Front› arbeiten kann», sagt Begert, die neben ihrer Freelance-Arbeit auch als Produktionsmitarbeiterin bei Fama Film tätig ist.

Dem Regisseur den Rücken freihalten

Immer und überall die Augen offen zu halten, das sei das Wichtigste: «Wenn ich mir ein Hotelzimmer anschaue, fotografiere ich auch gleich die Lobby und die Hotelwäscherei: Man weiss nie, wann man das gebrauchen kann.» Und manchmal hilft beim Suchen von Motiven ganz einfach Google Earth. Zum Beispiel als für «Traumland» ein Waldrand mit Blick über die Stadt hermusste. «Das passende Motiv zu finden, ist das eine, aber wenn der Ort keine Zugangsstrasse hat oder weit und breit kein Strom oder WC verfügbar ist, dann klappt das mit der Logistik nur schlecht. Grundsätzlich muss aber alles möglich sein, wenn die Regie das so möchte», betont die 44-Jährige. «Unser Job ist es, dem Regisseur den Rücken freizuhalten und ihn darin zu unterstützen, seine Vision zu verwirklichen.» Idealerweise seien Aufnahmeleiterin und Location Scout dieselbe Person, damit Logistik und Motivsuche aufeinander abgestimmt werden können. 
«Für die Motivsuche bin ich meistens mit Zug und Velo unterwegs: Im Zug kann ich während der Fahrt arbeiten, und auf dem Velo habe ich genau die richtige Geschwindigkeit, um nichts zu verpassen.» Besonders knifflig sei es, wenn in einer Wohnung gedreht werde. Leer stehende Wohnungen, die man am besten über Immobilienportale finde, seien ein eher seltener Glücksfall. In den meisten Fällen sind die Wohnungen bewohnt. Dann ist Gespür beim Verhandeln mit den BesitzerInnen gefragt. «Etwa siebzig Prozent meines Jobs bestehen darin, Leute zu Dingen zu überreden, die sie eigentlich nicht machen wollen, und dann vor allem dafür zu sorgen, dass sie es nicht bereuen», sagt Begert lachend. «Ich muss die Bedürfnisse des Filmemachers mit den Bedürfnissen der Bewohner abstimmen. Mit dem Anwohnerschreiben, in dem über den Dreh informiert wird, ist jeweils der erste wichtige Schritt getan.» Oft werden auch die Häuser in der Umgebung in Mitleidenschaft gezogen, etwa wenn in einer Nachtszene in den Nachbarhäusern Licht brennen muss. Oder bei einem historischen Film, bei dem eine 360-Grad-Einstellung geplant war: «Wir waren vor allem damit beschäftigt, Satellitenschüsseln zu entfernen.»

Zum Film ist Regula Begert gekommen «wie die Jungfrau zum Kinde». Eine Filmschule hat sie nie besucht. «Ich bin der Meinung, dass die meisten Jobs beim Film autodidaktisch lernbar sind. Aufnahmeleiterin ist ein Generalistenjob, das liegt mir.» Nachdem sie eine Zeit lang als Redaktorin bei SRF für die Jugendsendung «OOPS!» gearbeitet hatte, realisierte sie in Koregie mit Annina Furrer den Dokfilm «Züri West – am Blues vorus» (2002). Nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit und Gastgewerbejobs konnte sie durch Zufall bei «Mein Name ist Eugen» von Michael Steiner einspringen. Der Aufnahmeleiter war «zimmli im Seich», und der anspruchsvolle Dreh erforderte kurzfristig zusätzliches Personal. «Es war ein Höllendreh an der Gotthardstrasse mit Dutzenden von Leuten am Set. Am Sonntag habe ich mit Organisieren begonnen, am Mittwoch begannen wir mit Drehen.» Von der Tessiner Polizei eine Sonderbewilligung zu erhalten, sei nicht ganz einfach gewesen, «aber ich habe mir in den Kopf gesetzt: Das schaffst du.» Sie ist dann bis zum Ende der Dreharbeiten geblieben – das Filmfieber hatte sie gepackt.

Klar denken im Wespennest

Aufgewachsen ist Begert auf einem Bauernhof – «auch das ein Generalistenjob!» –, das klare Denken und rasche Entscheiden habe sie dort gelernt, meint die Bernerin, die heute wieder in einem Bauernhaus lebt, abgelegen im Aargau. «Ich fühle mich selten gestresst.» Und das, obwohl während unseres Gesprächs das Telefon im Minutentakt klingelt – heute wäre eigentlich ihr drehfreier Tag. Begert klappt ihren Laptop auf, das Telefon eingeklemmt zwischen Ohr und Schulter, regelt Wohnungsübergaben, empfiehlt Crewmitglieder und bespricht mit dem Set-Aufnahmeleiter den Dreh von letzter Nacht. Gegen die Anschaffung eines Smartphones sträubt sie sich mit Händen und Füssen: «Ein Handy zum Telefonieren reicht mir. Wenn ich noch dauernd Mails lesen müsste, käme ich gar nicht mehr zum Arbeiten.» Die Mailflut hat sie bestens im Griff: «Manchmal bin ich schon um fünf oder sechs Uhr im Büro. Dann kann ich in Ruhe meine Mails lesen und beantworten. So ab acht Uhr beginne ich dann mit Telefonieren.»

Oft ist Regula Begert die einzige Frau inmitten männlicher Techniker. Für die Macherin mit Händen, denen man ansieht, dass sie anpacken können, kein Problem. Im Gegenteil: «Ich habe oft sogar den besseren Draht zu Handwerkern als zur künstlerischen Abteilung der Produktion.» Es gebe eh wenige «Idioten» in Filmcrews. «Filmemachen ist Teamwork. Da erträgt es keine sozialen Pfeifen.» Neben der Sozialkompetenz müsse man für ihren Job vor allem Organisationstalent besitzen: «Als Aufnahmeleiterin kommst du als Erste und gehst als Letzte. Am Anfang besteht neunzig Prozent Chaospotenzial. Dein Job ist es, dieses auf zehn Prozent zu reduzieren.» Bei der Ankunft am Drehort herrsche oft eine Stimmung wie in einem Wespennest, «und du musst seelenruhig 25 Autos und 4 Lastwagen einweisen». Wichtig sei, dass man immer den Überblick behalte. «Nach und nach greifen dann alle Zahnräder ineinander.»

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