Nr. 04/2013 vom 24.01.2013

Wenn das Soldatische zurückkehrt

Thomas Hettche beschreibt in seinem Buch, wie verloren geglaubte Zeiten und Werte gegen die Gefährdungen der Moderne propagiert werden. Eine Gratwanderung auf den Spuren rechter Apologeten.

Von Stefan Howald

Die Vergangenheit ragt in die Gegenwart hinein. Diese Tatsache ist unausweichlich. Sie kann aber auch aktiv befördert werden. Die Vergangenheit wird als Fluchtort vor der Gegenwart gesucht, oder sie wird als Gegenbild zur Gegenwart konstruiert. In zehn eleganten Essays geht der deutsche Schriftsteller Thomas Hettche solchen Versuchen nach. Er besucht ZeitzeugInnen aus verschiedenen Kulturbereichen, sucht auch die eigene Vergangenheit auf, sein Kindheits-Ich, und reflektiert über die zeitgenössische Funktion solcher Konstruktionen, sich einer Heimat zu vergewissern. Besonders interessant, aber auch problematisch ist seine Auseinandersetzung mit dem politisch rechten Rand des kulturphilosophischen Spektrums.

Rückzüge aus der Moderne

Dass die Moderne vielfach als Entfremdung erlebt wird, ist wohlbekannt, auch die darauf reagierende Sehnsucht nach dem ganzheitlichen Leben. Die vielfach ausgezeichnete Kulturhistorikerin und Künstlerin Anita Albus etwa will zu einer religiös geadelten Kunst zurückkehren. Auf ihre das Gemeinschaftliche betonende Beschreibung des mittelalterlichen Kathedralenbaus merkt Hettche lakonisch an: «Das ist Kitsch.» Handfester versucht der mittlerweile 77-jährige Filmer Hans-Jürgen Syberberg die «Wiederaneignung einer verlorenen Zeit». Syberberg hat sich ab 1988 mit rabiaten Thesen aus der Moderne zurückgezogen und den deutschnationalen Romantizismus seiner Filme mit Beleidigungen gegen die «unheilige Allianz» von «Linken und Juden» braun angestrichen. 2000 erwarb er das Landgut in Vorpommern, auf dem er als Gutsherrensohn aufgewachsen war, renovierte das Gutshaus eigenhändig und rekonstruiert nun dessen Geschichte auf einer umfassenden – erstaunlich dilettantisch aufgezogenen – Website. So kann Syberberg den Faschismus überspringen und beschwört die Junkerherrlichkeit, als der Grundherr noch in persönlicher Beziehung zu seinen Bauern stand: als ein «Gerechter».

Der zentrale Essay des Bands geht von einer anderen umstrittenen Gestalt der deutschen Geistesgeschichte aus: Ernst Jünger (1895–1998). Im Zentrum steht dabei die Frage der Gewalt. Die Aufklärung erhoffte und behauptete, die Gewalt gezähmt zu haben. Längst durchbrechen asymmetrische Kriege jede Eingrenzung, wird der zumindest nominelle «Konsens der Gewaltächtung» durch Folterpraktiken aufgekündigt. Ja, durch die zunehmenden westlichen Kriegseinsätze kehrt das Soldatische als honorable Figur zurück.

Einsam gegen das Rauschen

Zu dessen Faszination wie dessen Verheerungen vermag Ernst Jünger mit seinen eiskalten Beschreibungen Einblicke zu liefern. Im Hintergrund dräut allerdings der unsägliche Carl Schmitt (1888–1985) mit seiner Apologie des Feinddenkens. Hettche hat wohl recht, wenn er meint, im Unterschied zu Schmitt habe sich Jünger «der bodenlosen Rückwendung des Soldatischen gegen sich selbst» nicht verschlossen. Aber die Eiseskälte wird letztlich ebenfalls zur Hinnahme.

Thomas Hettche zitiert eine längere Passage, mit der Jünger das Entsetzen des Kriegs zu fassen versucht: als sich unerträglich steigernder Lärm bei einem vielfachen Fall durch verschiedene Lagen dünnen Blechs. Zum Schluss des Bands zitiert Hettche d.0as gleiche Bild als Sinnbild für die Unbedingtheit der Literatur. Da wird jede kritische Analyse eingeebnet. Beobachten lässt sich also, was passiert, wenn aktuelle Fragestellungen in einem vorgegebenen Konzept verortet werden: Auch kritisch gemeinte Analysen beginnen, seltsam zu flirren. So wird Hettches Buch selbst zu einem Symptom eines Zustands, den es zu sezieren verspricht.

Ein begütigender Nachsatz ist hier angebracht: Verklammert wird der Band durch zwei Essays, in denen es um Literatur und Bücher als Rettung gegen die Endlichkeit der Existenz geht. Insbesondere im letzten Text plädiert Hettche engagiert für das handfeste, haptische Buch und die einsame Lektüre von Literatur gegen das enzyklopädische Rauschen der neuen Medien. Das ist schön und tapfer. Der Mensch als soziales Tier geht dabei freilich vergessen.

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