Nr. 11/2013 vom 14.03.2013

Entfernte Altistanbuler Verwandte

Von Astrid Kaminski

Die stadtplanerischen Neuigkeiten aus Istanbul lassen selten Jubel aufkommen. Historische Viertel verschwinden, neoosmanische, kostspielige Sterilität breitet sich aus, und der Eingang zum Goldenen Horn wird mit Betonpfeilern für die nächste Brücke über den Bosporus zugepflockt. Am liebsten, so viel Nostalgie sei einem gegönnt, würde man die StadtplanerInnen auf die Spuren Orhan Pamuks schicken und aus Büchern ganze Viertel (wieder) errichten lassen.

Eine Vorlage dazu könnten die «Geschichten aus Istanbul» liefern: Die schöne Auswahl aus der meisterhaften Kurzprosa von Sait Faik Abasiyanik (1906–1954), übersetzt von Gerhard Meier, wurde vom türkischen Kultus- und Tourismusministerium gefördert. Das Istanbul dieser Geschichten ist ein Gegenstück zum nationalistischen Anliegen damaliger und teils auch heutiger Politik: eine multiethnisch-kosmopolitische, verwegen-verwunschene Metropole, die gleichzeitig urban wie von ländlichen sozialen Infrastrukturen durchzogen ist. Wie beim etwas jüngeren Autor Metin Eloglu kreuzen dort Glücksspieler, Tagediebe, Tagelöhner und Fischer so gehäuft auf, als machten sie den Hauptbevölkerungsanteil aus. Und dabei sind sie derart nah an gewissen menschlichen Grundeigenschaften gebaut, dass man noch in jedem von ihnen einen Verwandten des eigenen Alter Ego finden kann.

Sait Faik Abasiyanik gilt zusammen mit Sabbahatin Ali als Erfinder der türkischen Kurzgeschichte. Der aus einer gutbürgerlichen Familie stammende Autor lebte als beispielhafter, durchaus unglücklicher Bohemien, trank sich relativ zielstrebig zu Tode und konstatierte durch einen seiner Protagonisten: «Hätte ich nicht geschrieben, ich wäre verrückt geworden.» So hat sein tragisches Carpe diem eine luzide Literatur hervorgebracht, die zum Ansprechendsten gehört, was im Bereich der Kurzgeschichte zu finden ist – und eine derart sinnliche Atmosphäre verbreitet, dass man sofort hinmöchte in diese fischumschwommene Stadt der kleinen Leute.