Nr. 11/2013 vom 14.03.2013

Sollten Sie eine Bäuerin aus dem Bilderbuch werden?

Seit zehn Jahren lebt Lilian Fankhauser auf einem Biobauernhof in einem kleinen Dorf bei Bern. Sie geniesst das sehr – obwohl sie sich an den Gemeindeversammlungen oft furchtbar aufregt.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Lilian Fankhauser: «Als ich eingezogen bin, habe ich als Erstes die Geranien abgeräumt.»

WOZ: Lilian Fankhauser, wo sind Sie aufgewachsen?
Lilian Fankhauser: In der Nähe von Bern, in Rüfenacht. Mein Vater war Schreiner, meine Mutter Hausfrau, später begann sie, am Amtsgericht Schlosswil zu arbeiten. Von ihr habe ich gelernt, dass es toll ist, eine Familie zu haben, sich aber auch im Beruf entfalten zu können.

Hatte sie solchen Spass am Beruf?
Ja. Am Ende hatte sie eine Leitungsfunktion im Sekretariat und bildete Lehrtöchter und Lehrlinge aus. Aber sie musste sehr darum kämpfen. Mein Vater war lange dagegen, er fand, er könne die Familie doch allein ernähren.

Was wollten Sie als Kind werden?
Lehrerin oder Bibliothekarin. Das Germanistikstudium war auch ein Schritt in diese Richtung; ich könnte mir heute noch vorstellen, Literatur zu unterrichten. Und es zog mich auch schon früh in die Landwirtschaft. Alle vier Grosseltern bauerten, ich war immer bei ihnen in den Ferien. Später ging ich dann zwei Sommer auf die Alp, und so lernte ich auch meinen Mann Bernhard kennen.

War er auch dort?
Nein, es war eine reine «Weiberalp». Wir hatten viele Rinder und eine einzige Kuh, die wir von Hand melken mussten. Eine Kollegin erzählte mir von Bernhard, und so kam ich auf seinen Hof, um handmelken zu lernen. Jetzt lebe ich schon zehn Jahre hier. Wir haben Milchkühe, Hühner, Schweine, Obstbäume, etwas Ackerbau. Und einen Hofladen. Unsere Töchter sind fünf, sieben und neun Jahre alt.

Wie haben Sie die Kinderbetreuung organisiert?
Als die Kinder kleiner waren und dauernd jemand aufpassen musste, teilten Bernhard und ich das mit den Grossmüttern und der Nachbarin. Heute ist es viel einfacher. Die Mädchen sind sehr selbstständig, spielen zu zweit oder zu dritt, und wenn es ihnen langweilig wird oder Zoff gibt, gehen sie mal schauen, was der Vater macht. Als Bauer ist er ja meistens in der Nähe. Und sonst können sie sich an den Lehrling, den Grossvater oder eine Nachbarin wenden. Ich habe darum wirklich nicht das Gefühl, dass ich fehle, wenn ich jetzt siebzig Prozent an der Uni arbeite. Bei den Hausaufgaben brauchen sie noch Betreuung, aber das macht manchmal auch Hans, mein Schwiegervater. Und geht dafür nicht in den Stall.

Das klingt ja richtig idyllisch!
Ja. Ich geniesse es sehr. Wenn ich mit einem Mädchen bei den Aufgaben sitze, klopft es vorne, jemand will Eier kaufen. Dann klopft es hinten, jemand bringt eine Maschine zurück. Der Haushalt ist Teil des Betriebs, das ist manchmal auch anstrengend – es gibt kaum Möglichkeiten, sich zurückzuziehen. Dafür habe ich mich in den ganzen zehn Jahren nie gelangweilt oder allein gefühlt. Auch nicht während der Babypausen.

Aber klar, ich halte mich aus vielen Bereichen raus. Bei der Fleischvermarktung schreibe ich den Newsletter, alles andere macht Bernhard. Es macht ihm viel Spass, den Kundinnen und Kunden etwas zu erklären, zum Beispiel, warum unsere Kühe Hörner haben. Aber in vielen Bauernfamilien sind die Frauen für die ganze Vermarktung allein zuständig und haben auch bei der unbezahlten Arbeit keine Unterstützung. Für Bernhard ist es selbstverständlich, die Haushaltsarbeit zu teilen, zu kochen, zu putzen.

Als Sie hierherkamen – gab es da Erwartungen, dass Sie eine Bilderbuchbäuerin werden?
Ich bin in eine sehr offene Familie gekommen. Bernhards Eltern zogen nach Münchenbuchsee, damit wir mehr Platz haben. Sie kommen regelmässig hierher, Hans arbeitet auf dem Hof mit, und natürlich gibt das manchmal Reibung. Als ich eingezogen bin, habe ich als Erstes die Geranien abgeräumt. Ich finde Geranien so hässlich, obwohl sie gut sind gegen Fliegen. Es war auch ein Statement: Ich wohne jetzt hier. Meine Schwiegermutter brauchte lange, bis sie sich an das kahle Haus gewöhnte.

Arbeiten Sie in der Landwirtschaft mit?
Ich helfe ab und zu beim Heuen, beim Kühetreiben oder springe im Notfall ein, etwa wenn eine Kuh beim Kalben Mühe hat. Aber es ist weniger geworden, weil ich mehr auswärts arbeite, und es gibt zum Glück auch ohne mich genug Leute auf dem Hof. Trotzdem diskutieren wir viel über Landwirtschaft.

Wie läuft es mit den anderen Leuten im Dorf?
Wir ecken immer wieder an – hier sagen die Bürgerlichen, was läuft. Ich sitze oft an der Gemeindeversammlung und rege mich furchtbar auf. Es ist zum Beispiel unmöglich, auf der Dorfstrasse Tempo dreissig einzuführen. Obwohl die Strasse gefährlich ist – sie wird auf dem GPS als Schleichweg Richtung Bern angegeben. Wir organisieren immer einen Kinderhütedienst, damit die Eltern, denen ähnliche Themen wichtig sind, wirklich zu zweit an der Versammlung sind – es reicht trotzdem nicht.

Aber man redet doch immer noch miteinander. Man kann doch allen in die Augen schauen. Als ich in der Stadt Bern wohnte, habe ich kaum mit Leuten gesprochen, die so denken wie die Leute hier. Jetzt muss ich das, und es hat auch sein Gutes. Es hilft mir auch für meinen neuen Job, denke ich. Ich verliere nicht so schnell die Fassung.

Lilian Fankhauser (43) ist Germanistin und neue Gleichstellungsbeauftragte der Universität 
Bern. Sie lebt in Diemerswil bei Bern auf einem Bauernhof und hat drei Töchter.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch