Nr. 12/2013 vom 21.03.2013

Idealisieren die Frauen die Hausarbeit?

Care-Arbeit ist ein Thema, bei dem sich für Lilian Fankhauser die Arbeit an der Universität mit dem Alltag auf dem Bauernhof verbindet. Aber warum gibt es eigentlich kein deutsches Wort für «Care»?

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Lilian Fankhauser in der Jurte in ihrem Garten: «Im Dorf wird meinem Mann und mir vorgeworfen, wir wollten, dass der Staat alles übernehme.»

WOZ: Lilian Fankhauser, Sie haben die neue Broschüre «Switzerland care-free?! Einblicke in vier Schauplätze der Care-Ökonomie» der feministischen Organisation Wide mitverfasst. Unter «Care» können sich viele Leute immer noch wenig vorstellen …
Lilian Fankhauser: Unter Care wird all das zusammengefasst, was nötig ist, damit wir morgens aus dem Haus gehen können: gewaschen, in sauberen Kleidern und wohlgenährt. Wenn Menschen nicht selber dafür sorgen können, weil sie zu jung, zu alt oder zu krank dafür sind, muss jemand diese Arbeit für sie machen – bezahlt oder unbezahlt. Wer also für andere einkauft, kocht, putzt und Kranke, ältere Menschen oder Kinder pflegt und betreut, leistet Care-Arbeit.

«Care» ist ein englisches Wort – wie auch die meisten Begriffe in der Geschlechterforschung. Es suggeriert: Care ist etwas für Spezialistinnen, für Akademikerinnen. Das lenkt davon ab, dass es mit dem Alltag von allen zu tun hat.
Wir haben bei Wide so lange nach einem deutschen Wort gesucht, wir hatten eine ganze Tagung dazu! Wer auch immer eine gute Idee hat, ist willkommen. Wir haben aber keine gefunden: Die Begriffe «Pflegearbeit» oder «Sorgearbeit» sind zu eingeschränkt, es geht ja nicht nur um das Gesundheitswesen. Es gibt Theoretikerinnen, die «love work» sagen – «Liebesarbeit», das geht auf Deutsch gar nicht …

In der Broschüre heisst es, das Schweizer Sozial- und Gesundheitssystem sei «geprägt von einem konservativ-liberalen Familienbild, was insbesondere Haushalte mit kleinem Budget belastet und teilweise widersprüchliche Anforderungen an sie stellt». Welche Anforderungen meinen Sie?
Der Schweizer Sozialstaat funktioniert unter der Annahme, dass immer jemand daheim ist, der Arbeit übernehmen kann. Ein Beispiel: Die Leute werden immer früher aus dem Spital entlassen. Das geht nur, weil man annimmt, es könne zu Hause jemand für sie sorgen – die Ehefrau, die Tochter, die Schwester. Aber das passt nicht zur Vorstellung, dass Frauen selbstverständlich erwerbstätig sein sollen. Denn damit fallen genau die Leute weg, die daheim Arbeit übernehmen könnten.

Gibt es weitere Beispiele?
Ja, die fehlenden Tagesstrukturen auf dem Land: Bei uns im Dorf gibt es keine Krippe. Und in der Schule wurden Lektionen gestrichen, weil der Kanton Bern die Motorfahrzeugsteuer gesenkt hat. Die Kinder kommen früher nach Hause, und das stellt viele Familien vor Probleme. Ich habe ja schon geschwärmt davon, wie toll das bei mir auf dem Bauernhof funktioniert. Aber viele Familien haben nicht so eine ideale Situation. Zum Beispiel Migrantinnen, die trotz viel Arbeit wenig verdienen, oft auch das soziale Netz für private Kinderbetreuung nicht haben. Wir müssen die Care-Diskussion in die Spar- und Steuerdebatten reinbringen. Dafür würde es allerdings Gender Budgeting brauchen.

Schon wieder Englisch! Was heisst Gender Budgeting?
Dass alle Geldflüsse in Bezug auf das Geschlecht analysiert werden: Wohin gehen sie, wem kommen sie zugute? Führen sie zu unbezahlter Arbeit und bei wem? In Österreich ist Gender Budgeting in der Verfassung verankert. Wir wissen, dass in der Schweiz Frauen etwa zwei Drittel der unbezahlten Care-Arbeit leisten und achtzig Prozent der bezahlten – in manchen Bereichen, etwa der Spitex, sind es fast hundert Prozent Frauen.

Warum wehren sich die Frauen nicht stärker für bessere Care-Arbeitsbedingungen?
Ich weiss es nicht. Ich treffe oft auf die Haltung: «Diese staatlichen Massnahmen sind gar nicht nötig. Das kann man selber organisieren.» Im Dorf wird meinem Mann und mir vorgeworfen, wir wollten, dass der Staat alles übernehme. «Sorgt doch selber dafür, organisiert doch selber Hüte- und Fahrdienste.» Diese Haltung ist normal auf dem Land. Auch bei den Frauen.

Wird die Haus- und Familienarbeit immer noch idealisiert?
Ich finde es immer sehr spannend, darüber mit Bäuerinnen zu reden. Wir forschen am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung der Uni Bern zusammen mit Bäuerinnen. Viele sagen, sie fänden die gegenseitige Unterstützung etwas sehr Schönes: Zuerst schauen die Grosseltern zu den Kindern, damit die Bäuerin in die Theatergruppe gehen kann, später pflegt die Bäuerin dafür die alten Leute. Viele haben ein nüchternes, pragmatisches Verhältnis zu dieser gegenseitigen Abhängigkeit. Aber es kann natürlich mit enormen Ansprüchen verbunden sein, die überhaupt nicht den Beziehungen entsprechen und viel Druck auslösen.

Mit welchen Ansprüchen?
In den Berner Standardverträgen für die Hofübergabe an die nächste Generation wurde den Eltern lange nicht nur ein lebenslanges Wohnrecht, sondern auch «liebevolle Pflege» garantiert. Fast immer war es die Schwiegertochter, die dafür sorgen musste. Das waren oft sehr schwierige Beziehungen. Auch in meiner Familie gibt es ein solches unschönes Beispiel – übrig bleibt dann oft viel Verbitterung.

Lilian Fankhauser (43) ist Germanistin, neue Gleichstellungsbeauftragte der Universität Bern und engagiert sich bei der feministischen Organisation Women in Development Europe (Wide). Die Broschüre «Switzerland care-free?!» kann bei www.wide-network.ch bestellt werden.

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