Nr. 13/2013 vom 28.03.2013

Männer im Frauenraum – finden Sie das gut?

Aktuelle Gleichstellungsdebatten erinnern Lilian Fankhauser manchmal an die Diskussionen im Berner Kulturzentrum Reitschule vor zwanzig Jahren. Zusammen mit anderen Frauen setzte sie sich damals für einen Frauenraum ein. Was sie in der Reitschule gelernt hat, kann sie heute noch brauchen.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Lilian Fankhauser: «Weil die Reitschule offen ist für die halbe Stadt, ist nachher auch die halbe Stadt für die Reitschule

WOZ: Lilian Fankhauser, Sie sind jetzt seit drei Wochen Gleichstellungsbeauftragte der Universität Bern. Wie läuft es?
Lilian Fankhauser: Ich bin ernsthaft überrascht, wie viele offene Türen ich einrenne. Die Gleichstellungsabteilung gibt es seit zwanzig Jahren, und ich muss ihr wirklich ein Kränzchen winden für ihre bisherige Arbeit. Niemand stellt mehr infrage, dass es mehr Professorinnen braucht. Es tut sich was! Auch bei den Teilzeitmodellen, das wusste ich zum Teil gar nicht.

Was wussten Sie nicht?
Dass es in den Wirtschaftswissenschaften zwei Frauen gibt, die sich eine Assistenzprofessur teilen. Und jetzt hat ein Professor einen Antrag gestellt, auf sechzig Prozent zu reduzieren, weil seine Frau Karriere macht und er auch nach den Kindern schauen will. Das ist ein wichtiges Zeichen – er hätte ja auch eine Nanny anstellen können, wie es bisher in solchen Fällen üblich war. Aber andere Diskussionen über Gleichstellung erinnern mich manchmal an die Berner Reitschule vor zwanzig Jahren, als wir den Frauenraum einrichteten …

Waren Sie damals dabei?
Ja. Frauen, die etwa zehn Jahre älter sind als ich, organisierten schon vor meiner Zeit Frauendiscos, damals noch im Dachstock. Eine Weile gab es ein Frauenzimmer im Infoladen und ab 1993 den eigenen Raum, da war ich dann dabei. Wir legten uns sehr ins Zeug: mit der Frauenlesegruppe, dem Frauenchor, den Frauendiscos … Wir wollten unseren Raum ja auch füllen. Das war immer der grosse Vorwurf an den Vollversammlungen: «Das ist der schönste Raum der ganzen Reitschule, und er steht dauernd leer.» Eine Freundin erzählte mir gerade, diese Diskussionen gebe es heute noch.

Dabei ist der Frauenraum kein reiner Frauenraum mehr …
Ja, es gibt Queer- und Transveranstaltungen, zu denen alle Geschlechter Zutritt haben. Und bei Grossanlässen, etwa der Tour de Lorraine oder dem Fest von Radio Rabe, finden auch ganz normale Partys dort statt.

Finden Sie das gut?
Ich fand die Diskussionen um die Öffnung des Frauenraums vor knapp zehn Jahren sehr spannend, denn ich habe in jener Zeit Genderstudies studiert, war also sowieso schon mit der Frage beschäftigt: Was ist Geschlecht? Dieses scheinbar Natürliche zu dekonstruieren, das fand ich sehr einleuchtend. Und eigentlich war diese Vielfalt ja schon vorher da: Von Anfang an kamen Frauen in den Frauenraum, die mit Geschlechterrollen spielten, die sich sehr maskulin kleideten, und auch Transfrauen. Die Trans- und Schwulenszene brachte viel Neues, organisierte tolle Partys. Das Problem ist einfach, dass schnell vieles in Männerhand gelangt. Bald waren mehr Männer als Frauen an den Partys, Frauen begannen sich marginalisiert zu fühlen … Noch stärker ist das an den grossen Partys, etwa am Fest von Radio Rabe.

Gehen Sie an solche Anlässe?
Dort war ich, und mir war nicht wohl. An einer solchen Party gibt es das übliche heterosexuelle Rumgemackere, je später, desto schlimmer. An reinen Frauenanlässen ist die Stimmung einfach offener. An solchen Partys fällt das weg, der politische Boden fällt weg. Dann schwemmt es im Lauf der Nacht die halbe Stadt in die Reitschule, und man muss sich abgrenzen wie irgendwo sonst im Ausgang.

Entweder klein und exklusiv oder offen für alle, beides geht wohl nicht …
Dadurch, dass die Reitschule offen ist für die halbe Stadt, ist nachher auch die halbe Stadt für die Reitschule. Viele Leute identifizieren sich mit dem Ort, quer durch die Generationen, auch wenn sie nur zum Biertrinken herkommen. Und die grossen Feste bringen auch Geld für kleine und schräge Anlässe. Das hat sich bewährt, aber es hat einen hohen Preis für die Aktiven, die sich mit den Problemen der halben Stadt herumschlagen müssen. Es macht auch verletzbar, dieses Offensein für alle.

Wie meinen Sie das?
Manchmal legen Leute mit ihren Forderungen die ganze Vollversammlung lahm. Die Reitschule ist basisdemokratisch, alle dürfen sich einbringen, immer wieder kommen die gleichen Diskussionen – das kann sehr zermürbend sein. Ich staune über die Fünfzigjährigen, die seit mehr als zwanzig Jahren dabei sind und sich immer noch unglaublich engagieren.

Wurden Sie in der Reitschule politisiert?
Ich wurde relativ spät politisch aktiv, mit 22 oder 23. Ich war zwar schon als Teenie ab und zu dort, aber dann ging ich einfach Züri West gucken – ich kam gar nicht auf die Idee, mich zu engagieren, da ich aus einem ganz anderen Umfeld kam. Meine feministische Politisierung begann mit Fragen unter Freundinnen: Warum sind unsere Mütter alle Hausfrauen? Wir wollten etwas anderes. Inzwischen kommt meine Mutter mit mir an feministische Veranstaltungen, auch in die Reitschule. Der Ort hat mich schon extrem geprägt. Ich habe mich damals reingestürzt in die Basisdemokratie, oft auch wahnsinnig aufgeregt. Aber alles, was ich über Teamarbeit und Prozesse gelernt habe, habe ich in der Reitschule gelernt.

Lilian Fankhauser (43) ist Germanistin und neue Gleichstellungsbeauftragte der Universität Bern. Sie lebt mit ihrer Familie in Diemerswil bei Bern auf einem Bauernhof.

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