Nr. 11/2013 vom 14.03.2013

Zwischen Rum, Augenklappe und Holzbein

Mit dem Ende der Segelschifffahrt verschwanden im 19. Jahrhundert die Shanties. Jetzt hat die englisch-amerikanische Popszene die alten Seefahrtslieder wieder entdeckt und neu eingekleidet. Auch Frauen sind mit an Bord.

Von Christoph Wagner

Selbst in den Bergen kennt man Lieder vom Meer: «What Shall We Do with the Drunken Sailor» hat sogar Einzug in den Englischunterricht gehalten. Ebenso verbreitet ist das Lied vom «Hamborger Veermaster», das seinen Ursprung im Shanty «The Banks of the Sacramento» hat.

Shanties stehen seit ein paar Jahren wieder hoch im Kurs. Dazu haben zwei Doppelalben beigetragen: Auf «Rogue’s Gallery» (zu Deutsch: Verbrecheralbum) von 2006 interpretierten unter der Regie des Produzenten Hal Willner Sänger wie Sting, Bryan Ferry und Bono alte Seemannslieder neu. Das Album löste einen Sturm aus.

Jetzt ist der Nachfolger «Son of Rogues Gallery» erschienen. Mit an Bord ist erneut eine illustre Mannschaft mit Keith Richards, Nick Cave, Patti Smith, Courtney Love oder Beth Orton. Unterstützt wurde Willner bei beiden Produktionen von Johnny Depp und Regisseur Gore Verbinski, die das Projekt während der Dreharbeiten zu «Pirates of the Caribbean» ausgebrütet hatten.

Willner hatte sich schon davor mit Themenalben profiliert, die Kurt Weill, Nino Rota, Thelonious Monk oder Charles Mingus ins Zentrum stellten. Immer schaffte er es, interessante KünstlerInnen im Studio zu versammeln. Die Wirkung kam einer Frischzellenkur gleich: In ungewöhnlichen Kooperationen erfanden sich MusikerInnen neu – mit erstaunlichen Resultaten.

Shantyman und Leichtmatrose

«Die Männer ergriffen das Tau und begannen es anzuholen; der vorderste stimmte dabei ein Lied ohne Worte an, es war nur ein seltsames melodisches Anschwellen und Absinken von Tönen», beschreibt Herman Melville in seinem Roman «Redburn» (1849) eine Szene auf hoher See. «In der dunklen Nacht, weit draussen auf dem einsamen Meer, klang es abenteuerlich genug. Ein bisschen ängstlich war mir schon zumute. Manche Kapitäne fragen immer, ehe sie einen Mann heuern, ob er am Tau auch singen kann.»

Den Eignungstest hätte Tom Waits spielend bestanden. Auf Willners neuem Album intoniert er das alte Shanty «Shenandoah» im Wechselgesang mit sich selbst, während Keith Richards ein paar sparsame Kadenzen auf der E-Gitarre zupft. Waits singt mit so viel Inbrunst und Kraft, dass er sofort zum «Shantyman» (Vorsänger) befördert worden wäre.

Verglichen mit Waits und seiner Röhre hätte es Iggy Pop höchstens zum Leichtmatrosen gebracht. Der sonst für seine rabiate Art berühmt-berüchtigte Exsänger der amerikanischen Protopunkband The Stooges steuert den Titel «Asshole Rules the Navy» bei, wobei ihn Willner nicht von kreischenden Gitarren begleiten lässt, sondern von den wohligen Akkordeonklängen der Balkanband A Hawk and a Hacksaw.

Verkehrte Welt auch für Marianne Faithfull. Die «Femme fatale» des verruchten Pop sah sich plötzlich mit den kanadischen Folkschwestern Kate and Anna McGarrigle im Boot, angefeuert von den Funky-Horn-Arrangements von Lenny Pickett, dem ehemaligen Mastermind der Funksoultruppe Tower of Power. Solche Mixturen hätten auch schiefgehen können. Die Tatsache, dass sie bei Willner Sinn ergeben und dazu noch Spass, weist ihn als Kenner mit Fingerspitzengefühl aus, mit Gespür für die Kompatibilität unterschiedlicher Stile und Charaktere sowie einem unbestechlichen Geschmack.

Früher wurden Shanties zur Arbeit an Deck gesungen. Für jede Tätigkeit gab es massgeschneiderte Lieder im Tempo und Rhythmus des jeweiligen Arbeitsvorgangs. Stamp-and-go-Shanties wurden zum Beispiel beim Segelsetzen angestimmt. Das gemeinschaftliche Singen im stampfenden Rhythmus erleichterte die Knochenarbeit und verlieh ungeahnte Kräfte. Darüber hinaus synchronisierte es die Mannschaftsarbeit und förderte den Zusammenhalt.

Shanties folgten meistens einem Ruf-und-Antwort-Schema, wobei der Shantyman eine Zeile vorgab, die von der Mannschaft nachgesungen wurde. «Die Matrosen rührten kein Tau an ohne diese Begleitung», schrieb Melville in «Redburn». «Manchmal, wenn zufällig niemand anstimmte und das Anholen nicht so recht von der Hand gehen wollte, pflegte der Steuermann zu sagen: ‹Na, Jungs, kann denn keiner von euch singen? Singt doch, dass die Toten erwachen!›»

Traditionsanker in den Charts

Manche Shanties ergeben überhaupt keinen Sinn. Andere erzählen von Wehmut, Leid und Kummer, ausgelöst durch die Trennung, wenn es wieder einmal raus aufs Meer ging – monatelang, einem ungewissen Schicksal entgegen. Dann wurden Songs gesungen, die von der gnadenlos harten Arbeit an Bord berichteten, einem sadistischen Kapitän oder dem Kampf gegen eine unerbittliche See mit peitschenden Stürmen, haushohen Wellen und eisigem Wetter, eingesperrt auf einer Nussschale und von nichts umgeben als dem endlosen Meer. In Fantastereien machte sich die bedrängte Psyche Luft, wenn Seeleute Meeresungeheuer erspähten und vom «Old Man of the Sea» fabulierten oder sich fürchteten, nachts vom Klabautermann geholt zu werden. Auch lockten wohlgeformte Nixen und Meeresjungfrauen aus der dunklen Tiefe.

Mit dem Aufkommen der Dampfschiffe im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts verloren die Shanties ihre Funktion und verwandelten sich zusehends in Folklore: Lieder, die von Chören in Hafenstädten für TouristInnen angestimmt wurden. Aus diesem Milieu kommen Fisherman’s Friends, eine Gesangsvereinigung aus dem Fischerdorf Port Isaac im südenglischen Cornwall. Dort gab der Chor lange Zeit am Feierabend im Pub Golden Lion traditionelle Shanties zum Besten, die nicht verkünstelt, sondern recht energiegeladen vorgetragen wurden – sehr zur Begeisterung der herbeiströmenden TouristInnen.

Als der Unterhaltungskonzern Universal davon Wind bekam, nahm er die Hobbysänger unter Vertrag. Er inszenierte sie als kernige Naturburschen von der Küste und unterlegte ihren A-cappella-Gesang mit eingängiger Instrumentalbegleitung, um ihn massentauglicher zu machen. Einer stark verunsicherten englischen Identität wurde die Gruppe als Traditionsanker in einer sich rasant verändernden Welt offeriert. Die Strategie ging auf. Mit ihrer Einspielung «Port Isaac’s Fisherman’s Friends» schaffte es der Amateurchor bis auf Platz 9 der englischen Albumcharts.

Wie die Seefahrt war das Shantysingen traditionell Männersache. Frauen kamen in dieser rauen Welt zwischen Rum, Augenklappe und Holzbein höchstens als imaginäre Objekte der Begierde vor. Der jungen Folksängerin Jackie Oates ging das gegen den Strich. Mit der Gruppe Walking with Ghosts hat sie ein Album mit Shanties und anderen Seemannsliedern eingespielt, das überkommene Haltungen und moderne Sichtweisen neu austariert. «Shanties stammen aus einer totalen Männerwelt, weshalb ich mich als Frau sträube, diese oft prahlerischen Texte zu singen», sagt Oates. «Ich schreibe sie um, ergänze sie, damit sie zeitgemässer klingen. Die Machohaltung ist doch einfach von gestern!»

Hal Willner, Johnny Depp und Gore Verbinski: «Son of Rogues Gallery. Pirate Ballads, Sea Songs &
Chanteys» (2013). «Rogue’s Gallery. Pirate Ballads, Sea Songs & Chanteys» (2006). Anti.

Fisherman’s Friends: «Port Isaac’s Fisherman’s Friends». Universal.

Walking with Ghosts und Jackie Oates: «From Source to Sea». Lush.

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