Nr. 14/2013 vom 04.04.2013

Lenas Baumgeist wollte Spaghetti probieren

Lichttore für Einhornherden, Kristallkinder oder Geld als Energie: Die Esoterikbranche setzt Hunderte Millionen Franken um. Ein Besuch in anderen Welten.

Von Susi Stühlinger (Text) und Husmann/Tschaeni (Bild)

Kristallkind Lena Giger sitzt auf einem roten Ikea-Sofa in der «Quelle – Ort der Begegnung» im Berner Kirchenfeldquartier. Auf der Armlehne hockt – für Ungeschulte nicht wahrnehmbar – ein Kobold. Seit drei Monaten habe sie den jetzt an ihrer Seite. Lena – «einfach Lena» –, 26 Jahre alt, ist nicht ganz von dieser Welt. «Ein Teil von mir kommt aus der Kristallsphäre», sagt Lena, «meine Heimat ist nicht physisch und sehr weit weg von hier, sicher 200 000 Kilometer.» In ihrem Buch «Wir Kristallkinder» beschreibt Lena die Kristallsphäre als pastellfarbenen Ort aus Schwingung und Licht, in dem die Wesen weder Geschlecht noch negative Gefühle kennen, sondern «ständig im Gefühl leben, einen Orgasmus zu haben».

In der «Quelle» macht Lena am Tag unseres Gesprächs «Herz-Traum-Beratungen» und «Kristallheilung» für Einzelpersonen. Sie gibt aber auch Kurse, zum Beispiel «zur wahren Männlichkeit/Weiblichkeit», hält Vorträge und hat auf ihrer Website einen Videokanal, wo sie für vierzig Euro Seminare mit Livechat anbietet. Wenn man Lena fragt, ob sie von ihrer spirituellen Tätigkeit leben könne, gibt sie zurück: «Was heisst leben können? Ich gehe davon aus, dass ich immer alles habe, was ich brauche. Indem ich mich nicht um Geld sorge, sondern annehme, dass es einfach da ist, ziehe ich das Geld an. Das ist ein physikalisches Gesetz. Wenn du lange genug daran denkst, dass du alles hast, was du brauchst, verankerst du das in deinem Unterbewusstsein und ziehst es in dein Leben. Das funktioniert auch mit anderen Sachen, zum Beispiel mit der Liebe.»

Wenn dem so ist, ist Lena eine von wenigen. «Viele Esoterikbegeisterte träumen davon, sich allein mit dieser Tätigkeit die Existenz zu sichern», sagt Religions- und Sektenexperte Hugo Stamm, «sie investieren Tausende von Franken in Aus- und Weiterbildung. Dennoch kommen viele von ihnen nicht ohne Zweitjob aus.» So arbeitet einer der führenden Köpfe der Bewegung «Transzendentale Meditation» (TM) nebenbei als Schulberater.

Schätzungsweise 500 Millionen bis zu einer Milliarde Franken werden im Schweizer Esoterikmarkt jährlich umgesetzt. Genaue Zahlen gibt es nicht. Auf 18 500 im Erfahrungsmedizinischen Register (EMR) eingetragene Natur- und EnergieheilerInnen kommen laut Hugo Stamm noch einmal so viele ohne entsprechendes Zertifikat, das voraussetzt, dass jährlich Weiterbildungskurse absolviert werden. Doch wer denkt, die Esoterikbranche sei ein Tummelbecken für BetrügerInnen, liegt falsch. Hugo Stamm sagt: «Die Anbieter glauben an ihre Heilkräfte und die damit verbundenen esoterischen Lehren – alle!» Um das schnelle Geld zu machen, sei die Sache viel zu mühsam. Es dauere zu lange, sich einen genügend grossen Kundenstamm aufzubauen. «Reich werden in der Esoterikbranche nur die Stars der Szene», so Stamm, «deren Anzahl liegt, gemessen an der Gesamtsumme, im einstelligen Prozentbereich.» Die Stars mit grossem Kundenstamm können höhere Honorare einfordern, während eine Sitzung bei «durchschnittlichen» HeilerInnen zwischen 80 und 200 Franken kostet.

Energieform Geld

Der Rundgang durch die Lebenskraft 13 – die grösste Esoterikmesse der Schweiz – im Zürcher Kongresshaus beginnt harmlos. Und zwar mit Wasser. Sieben Flaschen stehen zu Degustationszwecken bereit, gemäss Standhüter hat jedes der «St.-Leonhards-Wässer» eine andere Schwingung, und zu jeder Person passt eine der Sorten besonders gut – das ist definitiv keines der über ein Dutzend Angebote, die die Fachstelle für Sektenfragen Infosekta als problematisch einstuft oder über die sie zumindest schon Meldung erhalten hat.

«Problematisch», sagt Regina Spiess, Psychologin und Projektleiterin bei Infosekta, «wird es dann, wenn die Menschen die Deutungshoheit über ihr eigenes Leben abgeben.» Das beginne schon damit, dass beispielsweise eine Handleserin ihrer Kundin bescheide, wie es um ihre Charakterzüge stehe – und diese das dann glaubt. Im schlimmsten Fall geht es für die Betroffenen weiter bis zur totalen Vereinnahmung durch ihre Heilerin oder ihren Heiler, Abhängigkeit, Isolation vom sozialen Netz und zu gesundheitsschädigendem Verhalten (vgl. «Bei Zweifel ‹links gedreht›»).

An der Lebenskraft-Messe lässt sich eine etwas füllige Frau in Marineblau vom «Runen-Meister» Eric Vincent Studer beraten. Für zwanzig Minuten zu neunzig Franken. Im mit Federn, Trommeln und anderem spirituellem Gerät dekorierten Stand hantiert der Meister mit einem Bergkristall und einem Rehgeweih auf einer mit bunten Steinen belegten Unterlage. Ist es nicht paradox, dass die Meister des Spirituellen, die die Loslösung vom Weltlichen predigen, doch so ganz dem Irdisch-Monetären verhaftet sind? «Es existiert die Auffassung, dass man sich vom Materiellen lösen muss – das heisst aber nicht, dass man es nicht besitzen darf», sagt Hugo Stamm. «Ausserdem ist das Einkommen auch ein Gradmesser für ihren Erfolg beziehungsweise ihre Spiritualität.»

Geld, sagt Lena, sei eine Energieform unter vielen. «An und für sich ist Geld neutral. Wie Benzin. Man kann sehr schlechte Dinge damit machen, wie die Meere verschmutzen – oder gute.» Zum Beispiel? «Hilfswerke unterstützen oder Kinderspitäler aufbauen, wie Brad Pitt.» Auf ihrer Website ruft Lena SpenderInnen dazu auf, sie zu unterstützen, damit sie noch mehr Licht und Liebe in die Welt bringen könne. Warum braucht sie dazu Spendengelder? «Ich merkte, dass ich meiner Arbeit selbst wenig Wertschätzung entgegengebracht habe, und dachte, dass es schöner ist, wenn das, was ich tue, irgendwie anerkannt wird. Ich mache viel Energiearbeit für die ganze Erde und kanalisiere Liebe, und dies wird leider noch nicht vom Staat unterstützt.» Geld als Anerkennung? «Ja, ich akzeptiere Geld als Wert der Anerkennung», sagt Lena. Es gebe solche, die alles Weltliche ablehnten, meint sie, aber das sei nicht einfach. «Ich versuche, es zu integrieren. Das Miteinander ist immer die beste Lösung.» Weltliche Aspekte interessierten sie durchaus, sagt Lena, sie gehe auch abstimmen. «Früher war ich rebellisch und sah nicht ein, dass Politik auch etwas bringen kann – heute erkenne ich die Hintergründe besser. Jeder soll die Welt so verbessern, wie er es am besten kann. Ich kann es am besten auf meine Weise.» In einem Onlinevideo erzählt Lena von Begegnungen mit Baumwesen: «Einmal traf ich einen Baumgeist, das war ein ganz junger. Der sagte zu mir: ‹Duu, ich würde sooo gerne einmal Spaghetti probieren.› Das war sooo lustig!» Sie erzählt es mit grossen Kulleraugen und einer hohen, sich zuweilen überschlagenden Stimme – die sie im persönlichen Gespräch nicht hat. Das komme daher, dass sie in ihren Vorträgen aus der Seele spreche, während sie hier und heute spüre, dass es auch um Weltlich-Irdisches gehe: «Das passt sich immer der Situation an.»

Im besagten Video fährt Lena fort: «Bitte, bitte fällt keine Bäume. Das ist so etwas Schlimmes, und auch wenn ihr einen Baum schneidet, fragt ihn zuerst: ‹Darf ich dich schneiden?›» Darauf hingewiesen, dass auch für ihr Buch Bäume sterben mussten, sagt Lena: «Es ist nicht mein Auftrag, alternative Methoden zur Papierherstellung zu finden. Aber wenn ich einen Baum gefragt hätte, ob es okay sei, einige seiner Geschwister zu töten, damit ich meine Lehre unter die Leute bringen kann und das mega vielen Leuten hilft, weiss ich: Er hätte Ja gesagt.» Vorerst spricht Lena erst einmal mit der Zimmerpflanze in der «Quelle» – diese möchte laut Lena einen Schluck vom energetisierten Quellwasser haben, das vor ihr auf dem Tisch steht – ein Wunsch, dem Lena sofort nachkommt.

Zurück an der Lebenskraft-Messe: Die Frau in Marineblau sitzt vor der Aurafotokamera, die Hände auf zwei seitlich angebrachte Metallplatten gestützt. Aus der Kamera kommt ein Polaroidfoto, auf dem ein gelber Nebel den Kopf der Frau umhüllt. Sie ist sichtlich enttäuscht. Ein gelber Nebel steht für Intellekt, sie hätte lieber einen blauen Nebel gehabt, der gemäss Anbieterin auf eine besondere Begabung für Spirituelles hinweisen soll.

Siebzig bis achtzig Prozent der Menschen, die esoterische Angebote konsumieren, sind Frauen. «Viele Frauen reagieren sensibler auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen – und suchen in der Spiritualität Alternativen zur kalten, kapitalistischen Welt», so Hugo Stamm. Dabei wohnt auch der Esoterik der Geist des Kapitalismus inne. Die Suche nach Erleuchtung folgt dem Prinzip des individuellen Gewinnstrebens. Wer keine Erfolge erzielt, hat nicht genug an sich gearbeitet. «Der Esoterikboom ist bezeichnend für den heutigen Machbarkeitswahn», sagt Hugo Stamm, «alle wollen alles, und zwar am besten sofort.»

Gefährlich wird es, wenn kranken Menschen suggeriert wird, sie könnten sich mittels esoterischer Praktiken selbst heilen und müssten keine Schulmedizin in Anspruch nehmen. «Das geht so weit, dass die Heiler behaupten, der Gang zum Schulmediziner würde den Heilungsprozess blockieren», sagt Regina Spiess von Infosekta. «Tatsächlich», so Spiess weiter, «kann der Placeboeffekt enorm sein, zumal sich die Heiler auf höhere Kräfte berufen. In der Atmosphäre von esoterischen Seminaren schüttet das Gehirn Unmengen von Endorphinen aus, was wirklich dazu führen kann, dass die Symptome für einige Zeit gemildert werden – doch irgendwann kommen die Beschwerden wieder.»

Eine andere Theorie zur Rückkehr von Beschwerden verfolgt der evangelische Theologe Daniel Hari («Heilen durch Christus»), ebenfalls an der Lebenskraft-Messe präsent: Er berichtet von einer Frau, die sich von einem Heiler behandeln liess, später jedoch an Depressionen litt. Sie sei vom falschen Heiler behandelt worden, sagt Hari, denn «Satan kann auch als Lichtengel auftreten» – ein Risiko, das man bei ihm natürlich nicht eingehe.

HeilerInnen ist es in der Schweiz verboten, sich selbst Heilkräfte zuzuschreiben. So operieren sie mit Begrifflichkeiten wie Selbstheilung oder Heilung durch göttliche Energie. Auch bei der russischen «paranormalen Chirurgin» Tatjana Lackmann («Operation ohne Skalpell und Narkose») sind es die Selbstheilungskräfte, die die Heilungen gelingen lassen sollen, die sie an der Lebenskraft-Messe vorführt. Dabei vollführt sie mit den Händen «symbolische Schnitte» auf der Haut und nimmt nachher – ebenso symbolisch – das kranke Gewebe aus den Körper. Im Jahr 2011 begleitete die Sendung «Reporter» die Lebenskraft-Organisatorin Angelika Meier zu einer solchen Operation – und danach auch zur Überprüfung beim Schulmediziner. Dieser beschied Meier: Die angeblich herausoperierten Gallensteine waren noch immer da. Es ist eine in der Esoterik verbreitete Auffassung, dass Krankheiten nur Symptome des seelischen Zustands sind, was zum Schluss führt, dass jede Person ihre Krankheit selbst verschuldet.

Zur Schulmedizin sagt Lena: «Es gibt die einen Leute, die brauchen Schulmedizin, und es gibt solche, die brauchen das andere, das ist sehr individuell. Es gibt den Placeboeffekt, aber es gibt auch Heiler, die hervorragende Ergebnisse vorweisen können. Jeder muss für sich den Weg finden, der für ihn stimmt.»

Nachgefragt, ob sie nicht auch finde, dass manche Angebote im spirituellen Bereich problematisch seien, sagt Lena: «Jede Branche hat ihre Problematiken – ich kenne schon Sachen, von denen ich die Finger lassen würde.» Von welchen sie spricht, will Lena auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht preisgeben. «Ich möchte den Fokus auf dem Positiven belassen. Jeder soll selbst überprüfen und spüren, was ihm guttut», sagt sie und fügt an: «Es ist für mich auch marketingstrategisch nicht clever, wenn ich die negativen Punkte meiner Branche aufzähle.»

Von der Lebenskraft-Messe gäbe es noch viel zu berichten. Etwa von jenem deutschen Herrn, der Energiepyramiden verkauft, deren Wirkung sich – welch Zufall – steigern soll, wenn es mehr Pyramiden auf der Erde gibt. Die Idee dazu übermittelte ihm die Lichtwesenheit Horus (eingetragene Marke). Beweisen lasse sich die Wirkung der Pyramiden mittels Aurafotografie.

Seit neustem wird in der esoterischen Beweisführung auch das weitgehend unerforschte Feld der Quantenphysik herangezogen. Am meisten stört Hugo Stamm der unkritische Umgang der EsoterikerInnen mit der eigenen Disziplin: «Alles, was man spirituell fühlt, ist wahr. Es gibt keinerlei Supervision, das ist völlig dilettantisch.» Auch für Regina Spiess ist dies der zentrale Kritikpunkt: «Es gibt keinerlei Studien, schon gar nicht randomisierte Doppelblindstudien.» Die Verwendung von Zufallsmechanismen setzt voraus, dass die beteiligten PatientInnen nicht wissen, ob sie der Versuchs- oder der Kontrollgruppe angehören. «Daran», so Spiess, «hat offenbar auch niemand in der Branche Interesse.» – «Die Wissenschaft», sagt indes Lena, «interessiert sich oft nur für Themen, die durch sie selbst gestützt werden. Aber ein richtiger Wissenschaftler würde doch Gebiete erforschen, über die noch wenig bekannt ist.»

Die füllige Dame in Blau an der Lebenskraft-Messe ist bei der Kaffeesatzleserin Maharaa angelangt. Der Besuch der WOZ neigt sich indes dem Ende zu. Letzte Station: die Einhorn-Essenzen von Melanie Missing. «Die Einheit der grossen Weissen Bruderschaft wirkt gemeinsam mit den Einhörnern des hohen Rates der Einhörner für uns auf Erden. Gemeinsam öffnen sie die Lichttore für zwölf weitere Einhornherden.» Die Besucherin soll unter den vielen Fläschchen eines auswählen, von dem sie sich besonders angezogen fühlt. Wer selbst nicht weiterkommt, dem ist die Händlerin gerne behilflich: Es soll der Auraspray «Erzengel Metatron und Einhorn Erdenkraft» sein. Er soll helfen, «dich auf allen Ebenen deines Seins zu erden». Kostenpunkt pro Flasche (100 ml): 29,90 Euro.

Gibt es Einhörner? «Physisch gibt es noch ganz wenige», sagt Lena, «und zwar in England und Irland. Und es gibt sie als Krafttiere, die die Menschen wie Schutzengel begleiten. Du hast ein Einhorn als Krafttier, darum hast du auch gefragt.» Moment, physische Einhörner? Lena: «Hast du alle Leute auf diesem Planeten danach gefragt?» – Das ist die Krux mit der Esoterik. Die Nichtexistenz von Dingen lässt sich nicht beweisen.

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