Nr. 14/2013 vom 04.04.2013

Bei Zweifel «links gedreht»

Heiler Y. präsentiert höhere Mächte auf Erden. Sich von seinem Einfluss zu lösen, ist nicht einfach.

Von Susi Stühlinger

Sie sei misstrauisch geworden, sagt Katharina Schmid (Name geändert): «Alles, was mit Esoterik und Spiritualität zu tun hat, ist für mich heute ein rotes Tuch.» Schmid hat Bekanntschaft mit Y. gemacht, der behauptet, über hoch schwingende Frequenzen heilende Energien weitergeben zu können – in der Esoterik eine verbreitete Praxis. In Seminaren sollen die Teilnehmenden geschult werden, selbst Heilkräfte zu entwickeln, die sie dann auch weitergeben könnten. Fast vierzig spirituelle HeilerInnen arbeiten in der Schweiz nach dem Konzept von Y., laut Schätzungen praktizieren rund 200 Menschen seine Lehre.

«Ich war sehr beeindruckt von dem, was Y. erzählte», sagt sie, «er ist enorm charismatisch und rhetorisch sehr begabt.» Sie habe lange Zeit gute Erfahrungen gemacht, was laut Schmid vor allem daran lag, dass ihre Lehrerin die Kurse im Gegensatz zu Y. sehr seriös geleitet habe. Sie habe Y.s Lehre auch über handfeste Erläuterungen – zum Beispiel über Erklärungen zum Lymphsystem – weitergegeben, sagt Schmid, «während Y. selbst zum Teil nur eine Hand auf den Kopf seiner Schüler gelegt hat, und das wars dann».

Als andere Gruppenmitglieder es wagten, Y.s Praktiken zu hinterfragen, schloss Y. diese aus der Gruppe aus. Katharina Schmid mass dem erst keine Bedeutung bei, sie war überzeugt, dass die KritikerInnen im Unrecht waren. «Ich brauchte sehr lange, bis ich wahrhaben wollte, wie es wirklich ist», sagt Schmid, «denn ich fühlte mich durch die Kurse wirklich positiv verändert.» Man fühle sich bestätigt, habe Angst, die Dinge zu hinterfragen, und gebe sich mit der Erklärung zufrieden, die man bekomme. So tat sie es erst als Neid und Missgunst ab, als ein Aussteiger die Gruppenmitglieder per Mail vor Y. warnte. In Y.s Antwortschreiben an den Aussteiger, das der WOZ vorliegt, droht Y., dass beim Aussteiger eine «Linksdrehung» entstünde, wenn er Y.s Namen aussprechen oder auch nur denken würde. Eine «Linksdrehung» kommt in esoterischen Lehren dem «dämonischen Prinzip» gleich, sprich: Auf den Aussteiger sollten dunkle Kräfte negativ einwirken.

Mehrere AussteigerInnen geben übereinstimmend zu Protokoll, dass Y. eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur aufwies und sich selbst als alleinig erleuchteter Stellvertreter der höheren Mächte auf Erden betrachtete. Wenn jemand kritisch nachfragte, reagierte Y. cholerisch. Zudem neigte er zu starkem Alkoholkonsum – pro Tag zwei Flaschen Wein plus etliche Gläser Spirituosen.

Katharina Schmid war sieben Jahre lang Teil der Gruppe und absolvierte vier Lehrgänge, die sie befähigt hätten, einen Teil der Lehre weiterzugeben – natürlich nur so lange, wie sie bei ihrem Meister nicht in Ungnade fiel. Sie tat es aber nur einziges Mal, bei ihrer Mutter, weil diese darum bat. Die erste Stufe der Lehre durften Y.s SchülerInnen weitergeben, ab der zweiten Stufe verlangte Y. ein Drittel Provision. Sie selbst sei aus finanzieller Sicht einigermassen gut weggekommen, sagt Katharina Schmid, im Ganzen habe sie vielleicht 10 000 bis 15 000 Franken investiert. «Es gab andere, bei denen war es weitaus mehr.»

Mit der Zeit kamen Katharina Schmid immer mehr Zweifel. Aus ihrem Bekanntenkreis hätten ihr im Nachhinein viele gesagt, dass sie skeptisch gewesen seien, aber nicht interveniert hätten, «davon hätte ich damals ohnehin nichts wissen wollen, aber ich merkte, dass sie mich argwöhnisch beobachteten».

Erst als andere ihr nahestehende SchülerInnen sich vom Meister abwandten, gab auch Katharina Schmid die Kurse auf. Sie habe keinen Schaden genommen und sei von Y. auch nie direkt bedroht worden, sagt sie rückblickend. «Aber wenn man einen Glauben, eine Lebenseinstellung verliert, ist es sehr schwierig, sich wieder zurechtzufinden.» Das Gefühl der Abhängigkeit sei unter Y.s KlientInnen enorm gross gewesen, sagt Schmid, das habe sie bei anderen Gruppenmitgliedern beobachtet, die sich, kaum hatten sie einen Kurs absolviert, in den nächsten stürzten.

Y. habe zwar nie behauptet, dass man bei Beschwerden nicht zum Arzt gehen dürfe. «Aber er manipuliert einen, bis man wirklich nicht zum Arzt geht, weil man ihm voll vertraut.» Als sie unter einer Wirbelsäulenerkrankung litt, behauptete Y. laut Schmid, «er könne mich heilen, doch das mache er nicht, ich müsse das selber lernen». Als einer von Frau Schmids Hunden schwer erkrankte, sagte Y., er sehe, dass das Tier keinen Krebs habe. Die tierärztliche Untersuchung ergab, dass der Hund einen faustgrossen Tumor im Bauch hatte. Gemäss Aussagen anderer Ehemaliger sollen mindestens zwei Personen im Umfeld von Y. an Krebs gestorben sein – ob sie wegen Y. keine schulmedizinische Behandlung in Anspruch nahmen, ist unklar.

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