Nr. 26/2013 vom 27.06.2013

Vom Punkerstammtisch in den Arbeitskampf

Die LandschaftsgärtnerInnen in Schaffhausen drohen mit einem Streik. Ihr Kampf wäre ohne eine Szenebeiz und eine Fussballfankurve vielleicht nie zustande gekommen.

Von Jan JirátMail an AutorIn

Für nur 3450 Franken Mindestlohn gibts halt keine schöne Mauer: Protestaktion der Schaffhauser LandschaftsgärtnerInnen. Foto: Unia

Die «Schäferei» ist ein Spunten in der Schaffhauser Altstadt, wo noch geraucht wird und eigentlich immer Punk aus den Boxen dröhnt. Dort begann vor rund einem Jahr die Geschichte eines Arbeitskampfs, der nun schweizweit Signalwirkung haben könnte.

Die jungen Gartenbauer Matthias Brülisauer, Simon Wunderli und Roman Stärk trafen sich an einem Frühlingsabend zum Feierabendbier in dieser Beiz. Sie sprachen bald einmal über die unbefriedigende Situation in ihrem Job. Davon, dass sie genug hätten vom Mindestlohn von zurzeit 3450 Franken. Genug davon, sich auf Baustellen abzurackern und trotzdem mit weniger Lohn und Ferien dazustehen als die Gipserinnen und Maurer. «Unser Beruf hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Die klassische Grünflächenpflege steht immer weniger im Zentrum», sagt Wunderli. «Wir bauen Leitungen, graben Schächte aus, pflastern Wege, setzen Wasserrinnen. Das sind anstrengende Arbeiten. Der Vergleich mit der Baubranche ist gerechtfertigt.»

An jenem Frühlingsabend sass auch Florian Keller in der «Schäferei», der designierte Sektionschef der Unia Schaffhausen. Soeben hatte die Gewerkschaft beschlossen, sich schwerpunktmässig um den Gartenbau zu kümmern. Ein Bericht des Staatssekretariats für Wirtschaft hatte die GewerkschafterInnen alarmiert: Die Gartenbaubranche war – besonders in den Grenzkantonen – stark von Lohndumpingfällen betroffen.

Zwar existiert ein Gesamtarbeitsvertrag (GAV) zwischen dem Branchenverband Jardin Suisse und dem ArbeiterInnenverband Grüne Berufe Schweiz, aber der ist nicht allgemeinverbindlich, und gemäss Unia ist der Lohn zu tief angesetzt. Zudem sind «nur rund vierzig Prozent der Firmen Jardin Suisse angeschlossen», wie die NZZ schreibt. Sprich: Die Lohnsituation in der Branche ist unübersichtlich und entsprechend schwierig zu kontrollieren (vgl. «Lohndumping im Garten» im Anschluss an diesen Text).

Florian Keller kannte die Landschaftsgärtner persönlich. Er setzte sich zu ihnen an den Tisch, und am Ende des Abends sagte er nicht ohne Pathos zu ihnen: «Ihr bringt die Leute, ich bringe die Gewerkschaft.» 

Minigolf im Stadtzentrum

So kam es. Bereits im Sommer 2012 hatte sich eine Art Kerngruppe herausgebildet: Rund ein Dutzend mehrheitlich junger Landschaftsgärtner, die sich regelmässig austauschten und damit begannen, den Arbeitskampf zusammen mit der Unia zu organisieren. Eine entscheidende Rolle spielte dabei die «Bierkurve»: die Fussballfankurve im alten Breite-Stadion auf einem Hügel über der Altstadt. Brülisauer und Wunderli zählen dort beide zum harten Kern – es gibt kaum ein Spiel ihres FC Schaffhausen, an dem sie sich nicht die Lunge aus dem Leib brüllen würden.

«Durch die Bekanntschaften und Erfahrungen aus der Kurve haben wir uns von Anfang an vertraut. Wir wussten, dass wir uns aufeinander verlassen können», sagt Wunderli. «In der Bierkurve geht es darum, zusammenzustehen, sich gegenseitig zu unterstützen für eine Sache, an die man glaubt», ergänzt Brülisauer. «Wie jetzt beim Streik.»

Ausgehend von dieser Kerngruppe konnten mithilfe von Daniela Neves und Bashkim Rexhepi von der Unia immer mehr KollegInnen für den Arbeitskampf gewonnen werden. Im letzten September organisierten die LandschaftsgärtnerInnen auf dem Fronwagplatz im Stadtzentrum einen Anlass. «Wir stellten eine Minigolfanlage auf, die aus Rasenflächen bestand», erzählt Roman Stärk. Vor allem aber informierten sie die Bevölkerung über ihren Beruf. «Die Passanten waren überrascht über die tiefen Löhne im Gartenbau», so Stärk. Sie hätten damals über persönliche Gespräche viel Unterstützung erhalten. Das habe sie darin bestärkt, den nächsten Schritt in Angriff zu nehmen.

Im November versammelten sich in der Innenstadt rund achtzig LandschaftsgärtnerInnen, Unia-Leute und Sympathisanten aus der Bierkurve. Sie zogen los zur Post und warfen dort einen Brief ein. Darin forderten sie Verhandlungen über einen allgemeinverbindlichen GAV. Empfänger war Matthias Frei, der Präsident von Jardin Suisse Schaffhausen und zugleich der grösste regionale Gartenbauunternehmer – seine gleichnamige Firma beschäftigt siebzig Angestellte.

Chef zahlt Mitgliederbeitrag

Es dauerte bis zum Frühjahr 2013, ehe die Verhandlungen zustande kamen. Dreimal trafen sich die Parteien. Ergebnislos. Die LandschaftsgärtnerInnen und die Unia beharrten auf dem allgemeinverbindlichen GAV. Die Gegenseite berief sich auf den bestehenden GAV mit dem Verband Grüne Berufe Schweiz und anerkannte die Unia nicht als Sozialpartnerin. Es folgten die üblichen gegenseitigen Schuldzuweisungen, ehe die Situation eskalierte und aus der Streikdrohung eine feste Absicht wurde.

Matthias Frei ging nach den geplatzten Verhandlungen in die Offensive. Er wusste, dass in der Zwischenzeit siebzig Prozent der Schaffhauser LandschaftsgärtnerInnen der Unia beigetreten waren. Er setzte ein Dokument auf, in dem er seinen Angestellten «nahelegt», dem Verband Grüne Berufe Schweiz beizutreten. Der Mitgliederbeitrag von 200 Franken werde im ersten Jahr von der Firma selbst übernommen – unter einer Bedingung: «Die Mitgliedschaft bei der Unia muss auf den nächstmöglichen Termin gekündigt werden.» Frei ging mit diesem Dokument in der Hand auch zu weiteren Gartenbaufirmen.

«Wir kleinen Schaffhauser»

«Diese Aktion von Matthias Frei hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Spätestens mit dieser bewussten Sabotageaktion war für uns klar, dass wir den Streik durchziehen», sagt Simon Wunderli. Matthias Brülisauer pflichtet ihm bei: «Seit über einem Jahr reissen wir uns den Arsch auf für bessere Arbeitsbedingungen, jetzt machen wir bestimmt keinen Rückzieher. Das sind wir uns selbst schuldig. In einer Woche werden wir streiken.» Die Fronten sind verhärtet. Der Ton ist scharf geworden. Der drohende Streik, den eigentlich niemand wollte, ist kaum noch abzuwenden.

Im Erfolgsfall könnte der Arbeitskampf im nördlichsten Kanton der Schweiz zu einem Präzedenzfall auf dem Weg zu einem allgemeingültigen GAV für die gesamte Gartenbaubranche werden. «Wir wissen, dass wir für die ganze Branche etwas bewegen können. Wir kleinen Schaffhauser», sagt Wunderli. «Klar beflügelt uns das.»

Die nächste Etappe im Arbeitskampf führt wiederum in einen Gasthof: Der «Alte Emmersberg» ist als Streikzentrale vorgesehen. Wenn das kein gutes Omen ist.

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