Nr. 36/2013 vom 05.09.2013

Kinder, vorgeführt wie Tanzbären

Seine Mutter flüchtete aus der familiären Enge zum tyrannischen «Häuptling»: Paul-Julien Robert setzt sich in einem Dokumentarfilm mit seiner Kindheit in Otto Muehls Kommune auseinander.

Von Silvia Süess

Freie Sexualität und entsprechend Nachwuchs: Paul-Julien Robert (im roten Kinderwagen) versucht, seine Mutter (links) und seine Kindheit in der Kommune zu verstehen. Filmstill

Die Sprachlosigkeit der Mutter – die kommt gegen Ende des Films. Ihr Sohn, der Filmemacher Paul-Julien Robert, zeigt ihr Archivaufnahmen aus dem Friedrichshof, der grössten Kommune Europas, die vom Wiener Aktionisten Otto Muehl (1925–2013) Anfang der siebziger Jahre gegründet wurde. Robert kam in der Kommune zur Welt und verbrachte seine Kindheit dort – bis zu ihrer Auflösung 1991.

Zu sehen ist ein etwa zehnjähriger Junge, der von Otto Muehl ans Mikrofon gezwungen wird, wo er vor versammeltem Publikum singen und tanzen soll. Der Junge will nicht, er weint, Tränen kullern über seine Wangen. Muehl beschimpft ihn, flucht und nimmt schliesslich eine Wasserflasche, die er dem Jungen über den Kopf leert. «Das machen wir nun immer so, bis du es kannst» ist sein emotionsloser Kommentar. Der Junge ist zwar nicht Paul-Julien Robert. Doch der besorgte Blick der Mutter, die gemeinsam mit ihrem Sohn die Filmaufnahmen schaut, verrät, dass sie sich die Frage stellt, ob ihr Sohn damals vielleicht ebenso gelitten hat.

Für sie war der Eintritt in die Kommune, wie für viele damals, ein Akt der Befreiung. Das Leben in der Kommune war der Gegenentwurf zum Leben, das sie bisher gelebt hatte. Es war ein Ausbrechen aus der Enge der Kernfamilie, eine Rebellion gegen den autoritären Vater und gegen die vorgespurten Möglichkeiten, die das Leben damals bot.

Kein schlechtes Gewissen

Eher zufällig landete die junge Florence in den siebziger Jahren in Österreich auf dem Friedrichshof. Sie war begeistert. «Ich fühlte mich wie auf einem anderen Planeten», erklärt sie ihrem Sohn: «Da gab es Leute, die den ganzen Tag weinten, oder Erwachsene, die mit Schnuller herumliefen. Das war grossartig. Und die freie Sexualität und das Gemeinschaftseigentum, das fand ich super.»

Für ihren Sohn Paul-Julien war das Leben als Kind in der Kommune jedoch nicht nur «super». Dies zeigt sein eindrücklicher Dokumentarfilm «Meine keine Familie», in dem er versucht zu verstehen, wo er die ersten zwölf Jahre seines Lebens verbracht hat und warum. Um dies herauszufinden, führt er Gespräche mit seiner Mutter, die erstaunlich ehrlich und offen sind. Sohn: «Mit wie vielen Männern hattest du Sex, bevor du schwanger wurdest?» – Mutter: «Ja schon mit ein paar … Ich war da schon drei Jahre in der Kommune. Jeden Tag ein, zwei Männer in drei Jahren … Das gibt schon ein paar.»

Doch auf eine selbstkritische Auseinandersetzung der Mutter mit diesen Jahren wartet der Sohn vergebens. Wie Otto Muehl die Menschen unter Druck gesetzt habe, das habe sie gar nicht so mitbekommen. Dass sie in die Schweiz ging, um für die Kommune Geld zu verdienen, wie das alle SchweizerInnen mussten, und ihren vierjährigen Sohn allein in der Gemeinschaft zurückliess – das war halt einfach so, auch wenn es für sie hart war. Nein, ein schlechtes Gewissen möchte sie sich nicht machen lassen.

Der Häuptling und seine Jünger

Doch Robert will nicht anklagen, er möchte verstehen. Und so folgt er den Spuren seiner drei möglichen Väter und führt Gespräche mit anderen ehemaligen Kommunekindern, mit denen ihn noch immer eine enge Freundschaft verbindet. Wie haben sie ihre Familiengeschichte verarbeitet? Und in welchen Familienformen leben sie heute? Zwischen die Gespräche schneidet Robert eindrückliche Archivaufnahmen: Im Friedrichshof wurde jeder Tag filmisch dokumentiert, es existieren über tausend Stunden Filmmaterial.

Paul-Julien Roberts «Meine keine Familie» ist eine ganz persönliche Aufarbeitung seiner – verlorenen – Kindheit. Doch der Film ist mehr als das: Er ist eine furchtlose Auseinandersetzung mit einem Stück Zeitgeschichte und einem Lebenskonzept, das vielleicht ursprünglich gut gemeint war, in Realität jedoch ins Gegenteil kippte. Otto Muehl – so zeigen die Archivaufnahmen – war ein zwar charismatischer, aber völlig autoritärer Machtmensch. Er sah sich als Häuptling der Kommune. Wer nicht gehorchte, wurde bestraft und öffentlich beschimpft. Den Kindern wurde eingetrichtert, dass draussen alles böse und in der Kommune alles gut sei. Sie mussten täglich wie Tanzbären vortanzen, derweil sie Muehl nach ihren Kleidern und ihrem Auftreten beurteilte und in einer Reihe anordnete. Das Erschreckendste dabei ist, wie über hundert Erwachsene zuschauen, klatschen und den grossen Häuptling bei seinen Demütigungen unterstützen.

Der diesen Frühling verstorbene Muehl wurde 1991 wegen Unzucht und Beischlaf mit Unmündigen zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt. Robert schneidet dieses Thema nur am Rande an, er selbst war nicht direkt betroffen. Als die Kommune aufgelöst wurde, war er erst zwölf Jahre alt. Dadurch blieb er vor der «Einführung in die Sexualität» verschont.

Und doch ist «Meine keine Familie» auch ein Film über Missbrauch. Über den Missbrauch von Macht innerhalb einer Familie. Eine Familie, die viel grösser und spezieller war als die übliche Kernfamilie, die jedoch schliesslich an ihrer Einigelung und Enge, die keinen Blick und keine Kritik von aussen zuliess, gescheitert ist.

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