Nr. 38/2013 vom 19.09.2013

Haben Sie Militärdienst geleistet?

Alex Capus ärgert sich über die rückständige Schweizer Familienpolitik, erklärt, weshalb die Linke einem Mythos aufsitzt, wenn sie gegen eine Freiwilligenarmee ist, und warum «Hair» sein Lieblingsfilm war.

Von Silvia SüessMail an AutorIn (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Alex Capus: «Bewaffnete Konflikte trägt man heute nicht mehr mit Marschieren und Rösslireiten aus oder indem man mit dem Karabiner auf etwas schiesst.»

WOZ: Alex Capus, Sie sind nicht nur erfolgreicher Autor sowie Restaurant- und Häuserbesitzer, sondern auch Vater von fünf Söhnen.
Alex Capus: Ja, und ich werde häufig darauf angesprochen. Fünf ist so eine Menge, wo die Leute denken, wir seien in einer Sekte. Ausserdem sehen mich die Leute oft mit meinen Kindern, da sie ein wichtiger Teil in meinem Leben sind. Und ich wiederhole da nicht diesen Manager-Trash-Talk von der «Quality Time»: Die kurze, aber dafür intensive Zeit, die Kind und Vater gemeinsam verbringen, sie führen sozusagen eine Hochleistungsbeziehung. Nein, ich gehe mit meinen Kindern einkaufen, liege mit ihnen vor dem TV-Apparat herum. Das ist zwar nicht spektakulär, aber das ist der Alltag.

Ich repräsentiere nicht das Thomas-Mann-Bild vom Schriftsteller, der nicht gestört werden darf bei seiner Arbeit. Ich habe häufig ein Kind auf dem Schoss, wenn ich schreibe.

Da muss man Nerven haben…
Ja, aber ich bin ziemlich robust.

Ihre Frau ist als Professorin an der Uni Basel auch berufstätig. Wie bringen Sie alles unter einen Hut?
Natürlich sind wir privilegiert und verdienen mittlerweile genug Geld, um uns eine Hilfe leisten zu können. Unser Schulsystem geht ja von einer bäuerlichen Familie aus, in der immer jemand zu Hause ist. Dies entspricht jedoch schon lange nicht mehr der ökonomischen Realität. Also stellen wir eine solche Familie künstlich her, indem wir eine Kinderfrau engagieren. Ich kann mich jedoch noch gut an die Zeit erinnern, als wir das noch nicht konnten: an endlose Wintertage mit kleinen Kindern in einer Wohnung, in der man isoliert und alleine ist – diese Tage gehören für mich zu den deprimierendsten meines Lebens.

Die Schweiz ist in Sachen Familienpolitik ein rückständiges Land. Von der Rechten wird noch immer erfolgreich ein völlig veraltetes Familienbild beschworen.
Das ist einfach reaktionärer Populismus! Eine realistische Rechte wünscht sich ja, dass die Frauen in die Wirtschaft eingebunden werden, weil sie unverzichtbar sind. Doch die populistische Rechte hält den Mythos der Mutter, die zu Hause am Herd zu sein hat, aufrecht. Ohne ein Rezept zu haben, wie das in Realität gehen soll. Aber das ist das Privileg des Populismus: dass er etwas fordern kann, ohne zu sagen, wie es funktionieren soll.

Sie waren von 2009 und bis 2012 als Präsident der SP Olten aktiv. Welche Forderungen muss eine Linke heute stellen, mit welchen Themen sich beschäftigen?
Als ich fürs Präsidium angefragt wurde, lag die SP Olten am Boden. Wenn jemand auf dem Boden liegt, dann hilft man. Ich bin jedoch nicht der, der ein Rezept zur Hand hat und weiss, wie man eine Partei auf Kurs bringt. Was mich jedoch allgemein beschäftigt: wie unser Land seit Jahren Mythen aufsitzt und mit grosser Leidenschaft Stellvertreterdebatten führt. Nur um die eigentlichen Diskussionen, die anstehen, nicht zu führen.

Welche wären das?
Das wäre zum Beispiel die Europadebatte. Das Wort «Europa» darf man gar nicht in den Mund nehmen, sonst hat man die Wahlen schon verloren. Dabei sind wir real schon längst der EU beigetreten. Oder dann die Armeedebatte: dieses «Gschtürm» um den Gripen. Es ist doch klar, dass die Schweiz den nicht braucht. Oder die Aufhebung der Wehrpflicht, über die wir am kommenden Sonntag abstimmen. Jedem, der halbwegs bei Trost ist, ist klar, dass die notwendigen Aufgaben von einer verkleinerten Armee, die immer noch gross genug ist, mit einer Freiwilligenarmee erfüllt werden können.

Es gibt Leute in linken Kreisen, die gegen eine Freiwilligenarmee sind, weil sie befürchten, dass dann nur noch fanatische Armeefans der Armee beitreten.
Wenn die Linke glaubt, dass die Schweizer Armee dann nur noch aus Rambos bestehen würde, sitzt auch sie einem Mythos auf. Bewaffnete Konflikte trägt man heute nicht mehr mit Marschieren und Rösslireiten aus oder indem man mit dem Karabiner auf etwas schiesst. Eine Armee heute müsste eine hoch spezialisierte Techniktruppe sein, die ihre Aufgabe im europäischen Raum übernehmen würde.

Haben Sie selber Militärdienst geleistet?
Elf Tage. Ich bin in die Rekrutenschule gegangen und habe einfach nichts gegessen. Die haben dort dann schnell festgestellt, oho, Rekrut Capus isst nichts, den müssen wir im Auge behalten. Ich wurde jeden Tag gewogen und habe jeden Tag ein Kilo abgenommen. Aber es ging mir gut, wie gesagt, ich bin ja vergleichsweise robust. Nach elf Tagen konnte ich dann einen Psychiater besuchen, der hat mir ein paar undurchsichtige Fragen gestellt, und anschliessend konnte ich nach Hause gehen. Ich bin ein Kind der siebziger Jahre: Ich wollte keine Uniform anziehen und fühlte mich wie der Held im Musical «Hair». Das war mein Lieblingsfilm, den habe ich sicher zwölfmal gesehen.

Und wenn sich einer Ihrer Söhne für eine Militärkarriere entscheiden würde?
Ich wäre sicher nicht begeistert. Doch es wäre kein Grund, ihn zu enterben.

Alex Capus (52) geht heute noch an 
die Parteiversammlungen der SP. 
Ansonsten hat er den Nerv nicht mehr, 
sich parteipolitisch zu engagieren.

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