Nr. 41/2013 vom 10.10.2013

ZugpendlerInnen (sind aggressiv)

Scharfe Ellenbogen für den Verdrängungskampf in den S-Bahnen: PendlerInnen gelten zu Unrecht als unangenehme ZeitgenossInnen.

Von Stefan Howald

Den Blickkontakt auf dem Bahnsteig auf ein Minimum beschränken. Die Stelle markieren und sich dort postieren, wo sich die Tür öffnet, wenn der Zug hält. Ein schneller Überblick über die freien Abteile, dann zielstrebig, aber nicht auffällig hastig auf eines zustreben. Die Tasche (die Mappe, den Rucksack) auf dem Nebenplatz platzieren. Alle zusätzlich auf die Züge drängenden NichtpendlerInnen mit finsterem Blick durchbohren. Die Zeitschrift (das Buch) entfalten. Nicht mehr aufblicken.

Das Pendlerverhalten ist längst zum Klischee geronnen. Wir versuchen, diesem weitgehend nachzuleben.

Jeden Werktagsmorgen fallen wir wie ein plünderndes Heer aus unseren Vorstädten und Landschaften in die Innenstädte ein, fressen deren Vorratsgestelle leer und konsumieren die bleichen, unbefriedigenden Mittagszerstreuungen, lassen abends unsere ausgelaugten Köpfe und erschöpften Körper zurück und kehren heim.

Im Deutschen rührt der Begriff «pendeln» von der entsprechenden Bewegung her, von einem Ort zum andern, regelmässig, ticktack; er wird formal gesehen, entleert vom Inhalt. Im englischen «commute» geht es dagegen um den Austausch zwischen zwei Dingen, und darin steckt dann, deutlicher und brutaler, auch der Austausch der Arbeitskraft gegen den Arbeitslohn. Schliesslich ist das Pendeln Ausdruck der kapitalistischen Arbeitsteilung und einer entsprechenden Stadtentwicklung. Wobei die Mobilität zwischen Arbeitsplatz und Wohnort dem Individuum als Zusatzleistung auferlegt wird.

Kürzlich sang jemand bei einer Diskussion zum Urbanismus ein Loblied aufs Pendeln. Ein bisschen Reisen lockere Geist und Glieder. Das hat etwas für sich. Aber letztlich kann so etwas nur ein gelegentlicher Pendler, also ein Nichtpendler, sagen: Unser Alltag ist von harten Proben und Ängstlichkeit durchdrungen.

Eine Hassliebe verbindet uns gezwungenermassen mit dem Transportunternehmen, das uns pendeln lässt. Seit einiger Zeit strapazieren die SBB unseren Goodwill für einen gut geführten Staatsbetrieb. Die Überlastung im Grossraum Zürich führt mittlerweile fahrplanmässig zu vierminütigen Verspätungen gegenüber dem Fahrplan. Aber wir halten uns ruhig und schlagen schon auf dem Bahnsteig unsere Zeitschrift (unser Buch) auf.

Störender noch ist der sozialtechnische Versuch, uns umerziehen zu wollen. Wir alle hassen die neuen Wagen, die die Stehplätze maximieren sollen und die wenigen Sitzplätze so angeordnet haben, dass man, will man seine Würde behalten, das Rennen darum resigniert aufgibt. Aber marschieren wir deshalb geschlossen zum SBB-Hauptsitz? Nein, wir ballen die Faust in der Tasche und lesen verbissener in unserer Zeitschrift (unserem Buch). Gibt es Hoffnung auf einen Aufstand des pendelnden Mittelstands? Nein, wir bleiben bei allen Zumutungen unterwürfig.

Stattdessen entzweien wir uns untereinander. Glücklich jene Kinder, die miteinander zur Schule pendeln, oder jene Angestellten, die schon bei der Hinfahrt über die neusten Produkte fachsimpeln können. Unglücklich der Pendler, der neben sie zu sitzen kommt. Schlimmer noch ist es zuzuhören, wenn bei einem Handygespräch jegliche Schamgrenze überschritten wird. Überhaupt: iPads und Smartphones. Laptops. Kindle. Viele ProvinzlerInnen glauben, mit technischen Gadgets den Minderwertigkeitskomplex übertünchen zu müssen. Jeder finstere Blick dagegen fällt wirkungslos in den Zwischenraum zur gegenüberliegenden Sitzreihe. Sogar mit unseren Nächsten und Liebsten verwickeln wir uns in einen Kulturkampf darüber, ob die Abschaffung der ausklappbaren Abfallfächer in jedem Viererabteil weiteren Leistungsabbau und Verfall der Reisekultur bedeutet. Dabei sollte doch von hygienischem und gewerkschaftlichem Standpunkt aus klar sein, wie grauslich es ist, aus diesen engen Schlünden verrottete Bananenschalen hervorklauben zu müssen.

Gelegentlich wüsste ich zu gern, wo diese ältere Frau im Businessanzug arbeitet, die jeden Morgen denselben Rollkoffer hinter sich herzieht, oder der Jüngling in Emo-Uniform mit der Mèche im Haar. Aber dann vertiefe ich mich wieder gequält in meine Zeitschrift (mein Buch).

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