Nr. 27/2016 vom 07.07.2016

Rettet das GA, schafft die erste Klasse ab!

Das Generalabonnement soll durch Mobility Pricing ersetzt werden. Das ist weder ökologischer noch sozialer und bereitet auch kein Vergnügen, findet ein Passagier.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Manchmal fragen mich Bekannte in Zürich, ob ich in St. Gallen wohne, manchmal fragen mich Bekannte in St. Gallen, ob ich in Zürich wohne, und wenn mir die Fragerei zu bunt wird, antworte ich: «Ich wohne im Intercity.» Nach jahrelangem Pendeln sind für mich die beiden Städte zu einer geworden: Gleich hinter Wipkingen beginnt St. Fiden, auf das Linsebühl folgt Wiedikon. Wo die Nacht anbricht und wo die Sonne aufgeht, spielt keine Rolle, die Lieblingsorte heissen auch alle zum Verwechseln ähnlich, ob Bar 63 (ZH) oder Buena Onda (SG), Perronnord (SG) oder Nordbrücke (ZH), Xenix (ZH) oder Kinok (SG). Verliert man die Orientierung ganz, kann man zwischendurch in Winterthur aussteigen. Auch auf die Gefahr hin, dass der Reim schlecht ist: Der Widerstand lebt, solange der Widder steht. Die Winterthurer Genossenschaftsbeiz ist immer einen Zwischenhalt wert.

Ich bin längst nicht der Einzige, der im Intercity wohnt. 480 000 Menschen sind Tag und Nacht in der Schweiz mit einem Generalabonnement unterwegs. Nun sind wir ins Visier von SBB und Politik geraten. Ausgerechnet wir, die weitgehend aufs Auto verzichten oder schon gar nicht mehr Auto fahren gelernt haben, weil die SBB für uns wie eine Metro sind. Man will uns das GA wegnehmen, der Kampfbegriff heisst «Mobility Pricing»: Künftig soll jeder und jede am Ende des Monats für seinen und ihren Fahrweg bezahlen, der technologischen Überwachung sei Dank. Unterschiedlich hohe Preise sollen es zusätzlich erlauben, die PendlerInnenströme im Tagesablauf besser zu verteilen. Es sind üble Beschimpfungen, die wir GA-KäuferInnen uns dieser Tage anhören müssen: Wir würden die Züge verstopfen, seien der Treiber des Ausbaus des öffentlichen Verkehrs und förderten so die Zersiedlung.

Genug Platz ist da

Jahrelange Beobachtung zeigt, dass die Züge immer dann besonders voll sind, wenn eine ausländerpolitische Abstimmung ansteht, zumindest in der medialen Darstellung. Ist man selber unterwegs, muss man das Bild stark relativieren. Nicht nur fahren erfreulicherweise mehr Leute Zug. Sie sind auch im Wortsinn erfahrener. Sie räumen viel häufiger als früher ihr Gepäck weg. Und wenn man noch mehr Plätze gewinnen will, auch das zeigt die Beobachtung, könnte man die erste Klasse abschaffen: Ihre Polstersessel sind oft gähnend leer. Überhaupt ist die erste Klasse das sichtbarste Symbol dafür, dass die Schweiz eben doch keine Direktdemokratie, sondern eine Mehrklassengesellschaft ist. Eine Initiative zu ihrer Abschaffung würde ich sofort unterschreiben.

Dass wir GA-BesitzerInnen den Mehrverkehr antreiben, erscheint auf den ersten Blick logisch. Weil das Generalabonnement als Pauschale erhoben wird, begünstigt es die Steigerung der Mobilität: Je öfter man eine gewisse Strecke fährt, umso billiger wird die einzelne Fahrt. Ob ich allerdings jeden Tag nach Zürich fahre oder ein anderer nur einmal im Monat nach St. Gallen, ändert nichts daran, dass zwischen den Städten ein Taktfahrplan besteht. Im öffentlichen wie im privaten Verkehr bestimmt letztlich das Angebot, nicht die Nachfrage: Mehr Strassen oder mehr Schienen bringen mehr Verkehr. Darüber entscheiden aber nicht die PendlerInnen, sondern die ParlamentarierInnen.

Fahrt über den Graben

Doch das Mobility Pricing möchte man auch gar nicht aus ökologischen Gründen einführen. Der Verkehr soll nicht reduziert werden, die PassagierInnen sollen bloss rund um die Uhr verteilt werden. Es ärgert die Marktradikalen schon lange, dass ihnen wegen des pauschal erhobenen GAs eine Preispolitik verunmöglicht wird, bei der sich die Spitzenzeiten verteuern lassen. Der Vorstoss zum Mobility Pricing stammt entsprechend von der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse. Das Versprechen: Mit den billigeren Ticketpreisen zwischen den Spitzenzeiten würden die Arbeits- und Schulzeiten flexibilisiert. Die sozialen Folgen: Leute mit starren Arbeitszeiten haben noch weniger Lohn, weil sie mehr für die Anfahrt zahlen. Leute mit flexiblen Arbeitszeiten haben noch mehr psychischen Stress, weil sie rund um die Uhr verfügbar sein müssen.

Statt also das GA-Volk abzuschaffen, könnte man uns ruhig ein bisschen mehr Respekt entgegenbringen, gerade von der SBB-Spitze. Zumindest in unserem Selbstverständnis kommen wir schliesslich gleich nach den ZugbegleiterInnen: Wir erklären den unregelmässig Mitreisenden, wo man umsteigen muss, und den Neulingen, wo sich die Steckdosen und die Funklöcher befinden. Unseren vermeintlichen Gewinn durch die Vielfahrerei, den die Marktradikalen abschöpfen wollen, haben wir längst reinvestiert: im Speisewagen oder in Zeitungen und Bücher. Und wenn die PolitikerInnen ständig Sonntagsreden schwingen, der Graben zwischen Stadt und Land müsse überwunden werden, so leisten wir 480 000 PendlerInnen täglich einen Beitrag dazu. Schliesslich fahren wir nicht nur zwischen den Städten umher, sondern auch hinaus in die Agglomerationen und die Landschaften. Und über den Schienen leuchtet der Prime Tower.

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