Nr. 41/2013 vom 10.10.2013

Greenprom vs. Gazpeace

Es gibt einfach ungehörige Vermischungen!

Von Ruedi Widmer

Ganz im Sinn der bürgerlichen Verehrung Wladimir Putins gingen schon die Wogen hoch, ehe das Transparent vom Dach des Basler St.-Jakob-Fussballstadions ganz niedergegangen war. Dieses Greenpeace-Pack sei hart zu bestrafen, am besten nach russischer Manier, rief der eidgenössische Mainstream.

Greenpeace protestierte gegen den Gaskonzern Gazprom, Sponsor des gegen Basel spielenden Klubs Schalke 04, und für die Freilassung der von Russland festgenommenen Greenpeace-AktivistInnen. Weil die Aktivisten ungehindert ins Stadion eindringen konnten, will nun die Uefa den FC Basel bestrafen: Ein geringer Schaden im Vergleich zum Schaden in den Köpfen vieler LeserbriefschreiberInnen. Es gehe nicht an, Sport und Politik zu vermischen, der Sport müsse frei von Instrumentalisierung sein. Man wolle einen geruhsamen Fussballabend und dabei nicht gestört werden.

Diese Leute erkennen die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi nur nicht als Putins grösstes Machtprojekt, weil sie Sport und Politik nicht vermischen wollen. Oder sie denken, an den Spielen 1936 in Berlin sei Adolf Hitler nur als Sportfan anwesend gewesen und habe Kanzlertitel und Hakenkreuzarmbinde freiwillig an der Kasse abgegeben. 

Schon verschiedentlich stürzten sich Personen mit politischen Absichten auf Sportfelder, seltsamerweise oft, wenn sie keine Kleider trugen. Ein Marder demonstrierte letzten März für mehr Marderbisse, ausgerechnet beim Spiel FC Thun gegen FC Zürich. Solche Demo-Elemente sind oft das Einzige, was von Fussballspielen in Erinnerung bleibt. 

Für Greenpeace war der Auftritt in Basel ein Geschenk. Die Organisation war ja schon beinahe vergessen, und die meisten Jugendlichen wussten gar nicht mehr, dass Umweltschutz in erster Linie das Herunterlassen von Transparenten ist.

Für den FCB empfiehlt es sich nun, vor dem nächsten Spiel in Zürich ein paar Fans am Hauptsitz von Greenpeace Schweiz (Heinrichstrasse 147) mit einem FCB-Transparent abseilen zu lassen. Die Leute im Gebäudeinnern werden dann kein Tageslicht mehr haben und das erste Mal im Leben Strom verbrauchen müssen.

Abseilen als Protestform eignet sich aber auch für anderes: Seilen Sie sich mit einem 1:12-Transparent vor dem Fenster Ihres Chefs ab, wenn Sie finden, es stimme etwas nicht mit Ihrem Lohn. 

«Weltwoche»-Demonstrant Roger Köppel hat sich letzte Woche in seinem Editorial geistig von einem zirka 200 Meter hohen Wolkenkratzer abgeseilt: «Der Kommunismus war getrieben vom Neid der Besitzlosen gegen die Besitzenden. Der Feminismus ist der Kommunismus der Frauen, die unter der Tatsache ungleich verteilter Schönheit leiden.»

Ich dachte, der Antifeminismus Köppels wäre der Kommunismus der Männer, die unter der ungleich verteilten Gliedlänge leiden. 

Doch ich bin wohl wie die meisten bloss neidisch auf DemonstrantInnen wie Köppel. Weil diese einfach so kommen und verhindern, dass ich einen geruhsamen Internetabend geniessen kann.

Ruedi Widmer ist Cartoonist und vermischt die einen Buchstaben mit den andern.

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