Nr. 42/2013 vom 17.10.2013

Kopflos verloren im Nachhall

Von Timo Posselt

Es ist eine zähe Düsternis, die einen schon beim ersten Gitarrenakkord verschluckt und die kleben bleibt. Das zweite Album von All Ship Shape hat wenig mit dem britophilen Indie ihres Debütalbums zu tun. Nach einem Jahr in Berlin sind die fünf St. Galler nicht wiederzuerkennen: Auf «Dri#ter» ragt oft eine Wall of Sound in den Himmel. Gegen diese Klangmauer ruft Sänger Severin Walz im Sprechgesang an, und Thiemo Legatis drischt mit galoppierendem Anschlag aufs Fundament – bis sie einbricht und die Gitarren sich kopflos irgendwo im Nachhall verlieren.

Mit der psychedelisch vermengten Neodunkelheit stehen All Ship Shape für einen Zeitgeist, der seine Ursprünge bei den grossen BeschwörerInnen von Velvet Underground und im späteren Untergangsdeterminismus von Joy Division hat. Auf dem gleichen Acid-gefütterten Schimmel reiten beispielsweise auch die Black Angels. Doch statt der Christtümelei der TexanerInnen bewiesen All Ship Shape politische Haltung: An einer Asylnacht spielten sie im Osten der Schweiz gegen die geistige Vermauerung derselben an. Mit «Moon Stone» ist neben all der Schwärze auch so etwas wie ein Hit auf «Dri#ter»: Der eingängige Gitarrenriff lullt ein und lässt einen die alte Brit-Pop-Gefälligkeit wieder erahnen.

All Ship Shape waren nie als Zweckgemeinschaft gedacht. Als fünf Freunde hatten sie die Möglichkeit, die Musik «aus ihrem Zusammenleben» entstehen zu lassen. Auf «Dri#ter» lässt sich die Einigkeit spüren: Nichts klingt gesucht oder schnellen Erfolg heischend. Es ist gar Platz für Eskapaden wie den neunminütigen «Sprechgesang», der das Album schliesst. Mit dem tot gerittenen Gaul Indie-Pop am Wagen schafften es All Ship Shape einst gar ins Schweizer Fernsehen. Das wird ihnen wohl mit den Songs von «Dri#ter» nicht auf Anhieb gelingen – was sie jedoch wenig kümmern soll: Der Weg nachhaltiger musikalischer Relevanz führt ohnehin über die alternativen Clubbühnen.

All Ship Shape in: St. Gallen, Palace, 
Samstag, 19. Oktober 2013, 22 Uhr.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch