Nr. 42/2013 vom 17.10.2013

Kurzeinführung Marktwirtschaft

Der Viehhandel im modernen Fussball.

Von Pedro Lenz

Dass man dem geschenkten Gaul nicht ins Maul schaut, weiss fast jedes Kind. Einem gekauften Gaul dagegen sollte schon ein bisschen ins Maul geschaut werden dürfen. Das trifft besonders dann zu, wenn es sich beim Gaul um den teuersten Fussballer handelt, der je verkauft worden ist.

Was auf dem Viehmarkt der kurze Qualitätscheck mittels Gebisskontrolle ist, heisst in der Fussballterminologie «sportmedizinische Untersuchung». Dieser Check ist etwas umständlicher als ein Blick ins Maul, hat jedoch einen vergleichbaren Zweck. Es geht in beiden Fällen darum herauszufinden, ob der Gaul gesund ist. Im Grunde ist es auf dem Viehmarkt und auf dem Fussballtransfermarkt genau das Gleiche: Wer verkauft, preist seine Ware an, und wer einkauft, will sicher sein, dass die angebotene Ware ihren Preis wert ist. Wie hoch der Preis sein soll, bestimmt im Einzelfall der freie Markt. Für LeserInnen, die nur wenig davon verstehen, sei hier kurz eingeschoben, dass wir uns den freien Markt als eine Art allwissenden und unfehlbaren Liebgott vorstellen müssen. Sagt also der freie Markt durch den Mund des Pferdehändlers oder des Spielervermittlers: «Dieser Gaul oder dieser Spieler ist so und so viel wert!», dann ist der Preis in jedem Fall gerecht, weil der Preis nicht von Menschen, sondern vom freien Markt, also vom Liebgott, festgelegt worden ist.

Bis hierhin ist also alles ziemlich einfach: Da ist die Ware, auch Angebot genannt, dort ist das Interesse an der Ware, auch Nachfrage genannt. Die Ware hat einen Preis. Jemand ist bereit, diesen Preis zu bezahlen. Der Handel kommt zustande. Alle sind zufrieden, und das Leben geht weiter.

Komplizierter wird es freilich dann, wenn die Kaufpartei nach erfolgtem Handel feststellt, dass die erstandene Ware nicht einwandfrei ist. Der Viehhändler auf dem Viehmarkt wird dem Bauern, der erst zu Hause merkt, dass er ein schlechtes Pferd gekauft hat, schadenfreudig nachrufen: «Selber schuld, hättest halt dem Gaul ins Maul schauen müssen. Jetzt brauchst du nicht mehr zu jammern!»

Florentino Pérez ist nicht Landwirt. Aber in seiner Eigenschaft als Präsident des Real Madrid Club de Fútbol macht er hin und wieder auch einen Rundgang durch den Markt. Bei einem seiner letzten Marktbesuche kaufte Florentino Pérez im Sommer in London den walisischen Starfussballer Gareth Bale für etwa hundert Millionen Euro. Allen, die diesen Preis ein bisschen übertrieben fanden, hat Florentino Pérez die Sache mit dem freien Markt erklärt und freundlich gelächelt.

Jetzt stellt sich heraus, dass das teure Pferdchen Bale ein paar Defekte aufweist. Bandscheibenprobleme und ständiges Muskelzwicken hindern den Waliser seit Wochen an der Arbeit. Bald kommt der Winter, und Gareth Bale hat erst einige Minuten zeigen können, wie gut er eigentlich wäre. Es sieht nun nicht danach aus, dass er bald wieder spielen kann. Das teuerste Pferd bleibt auf unbestimmte Zeit angeschlagen im Stall. Den Ärzten, die Gareth Bale vor seinem Transfer nach Madrid gründlich untersucht haben, ist die Geschichte äusserst peinlich. Sie beteuern, sie hätten dem Gaul im Sommer sehr gewissenhaft ins Maul geschaut, und alles habe einwandfrei ausgesehen.

Der Händler, dem das Kunststück gelungen ist, einen halblahmen Spieler für hundert Millionen Euro zu verkaufen, heisst André Villas-Boas und ist Manager des Londoner Fussballklubs Tottenham Hotspur. Als ein spanischer Sportjournalist ihn dieser Tage fragte, was er zum bedenklichen körperlichen Zustand seines ehemaligen Schützlings meine, antwortete André Villas-Boas, wie es jeder Vieh- oder Gebrauchtwagenhändler getan hätte. Er sagte: «Ich kann nichts dazu sagen. Gareth Bale ist nicht mehr mein Spieler.»

Ob eine leichte Schadenfreude in seinen Worten lag, war aus der Distanz nicht eindeutig herauszuhören.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Seine marktwirtschaftlichen Kenntnisse 
hat er sich in der Praxis angeeignet. Er ist 
nicht selten an Gemüse-, Floh-, Vieh- oder Blumenmärkten anzutreffen.

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