Nr. 43/2013 vom 24.10.2013

Teurer Atomstrom bis 2058

Von Pit Wuhrer

Die Information war so wichtig, dass er in aller Frühe die Medien zu sich bat. «Dies ist ein sehr grosser Tag für das Land», sagte der britische Premierminister David Cameron am Montagmorgen. Kurz zuvor hatte die konservativ-liberale Regierung einen Vertrag über den Bau von zwei Atomreaktoren am Hinkley Point, Grafschaft Somerset, unterzeichnet. Erstmals seit zwanzig Jahren werden in Britannien wieder neue AKWs gebaut.

Verantwortlich für den Bau und den Betrieb sind der französische Energiekonzern EDF und zwei chinesische AKW-Unternehmen, alles mehrheitlich Staatsbetriebe. «Der exzellente Deal», so Cameron, werde die Steuerzahlerinnen nichts kosten. Aber er kommt die Stromkonsumenten teuer zu stehen. Nach Fertigstellung (geplant im Jahr 2023) garantiert die Regierung den AKW-Betreiber 35 Jahre lang einen Strompreis von mindestens 13,4 Rappen pro Kilowattstunde – das ist doppelt so viel, wie derzeit in Britannien für Strom gezahlt wird. Zudem übernimmt der Staat auch noch Kreditgarantien für den Bau der beiden 1600-Megawatt-AKWs (projektierte Baukosten: etwa zwanzig Milliarden Franken). Sollten, wie zu erwarten, die Reaktoren teurer werden, kommen also doch noch Rechnungen auf die Steuerzahlenden zu.

Der Vertrag, den künftige Regierungen nicht kündigen dürfen, verschafft EDF eine Rendite von schätzungsweise zehn Prozent. Bisher betreibt das Unternehmen in Britannien zwei Kohle- und acht Atomkraftwerke und gehört damit zu den sechs grossen Energiekonzernen im Land, die jetzt zum Winteranfang die Strompreise um rund zehn Prozent erhöht haben oder noch anheben werden. EnergieexpertInnen und Umweltgruppen kritisieren vor allem die hohen Atomstromkosten. Dadurch blieben für die Entwicklung erneuerbarer Energien kaum noch Mittel, argumentiert Greenpeace UK.

Obwohl auch in Britannien die Atommüllfrage ungelöst ist, befürworten – bis auf die Grünen – alle Parteien den Ausbau der Atomenergie. Dabei haben sich in jüngsten Umfragen nur 42 Prozent der Bevölkerung für neue Atomkraftwerke ausgesprochen; eine überwiegende Mehrheit bevorzugt die Nutzung erneuerbarer Energien. Dennoch wechselte die früher atomkritische Labour-Partei unter Tony Blair ins Lager der BefürworterInnen. Die kleinere Regierungspartei der LiberaldemokratInnen vollzog denselben Schwenk vor einem Monat: Ihr Energieminister Ed Davey unterzeichnete jetzt den Vertrag, dem noch weitere folgen sollen.

Informationen über den Widerstand gegen Hinkley: www.stophinkley.org

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