Nr. 43/2013 vom 24.10.2013

Mehr Aufrechte

Von Stefan Howald

Eine Visualisierung der menschlichen Stammesgeschichte zeigt einen Vierfüssler, eine Art urtümliches Spitzhörnchen, das sich über verschiedene Stufen allmählich auf die Hinterbeine stellt, wobei die Gattungen immer mehr an Körperhaaren verlieren, die Kinnbacken zurückgehen, die Stirn nobel wird, bis der Homo sapiens aufrecht in die Zukunft schreitet.

Eine andere Visualisierung zeigt die Zweige dieser Entwicklung, wobei zwischen 2 und 1,5 Millionen Jahre vor unserer Zeitrechnung verschiedene Stränge teilweise parallel laufen und verschiedene Arten der Gattung Homo sich überlagernd gezeigt werden.

Beides muss revidiert werden, sagen ForscherInnen der Universität Zürich. Neue Untersuchungen an einem Schädel im georgischen Dmanisi zeigen, dass die Gattung Homo nicht in verschiedene Arten zerfiel, wie bisher angenommen, sondern dass die Vielfalt innerhalb einer bestimmten Art grösser war als bisher vermutet. Dies haben Marcia Ponce de Leon und Christoph Zollikofer vom Anthropologischen Institut kürzlich erläutert. ForscherInnen hätten bislang in einzelnen auf der Welt zerstreuten Funden flugs eine eigene Art entdeckt, so die Zürcher Kritik. Doch aus der Fundstätte von Dmanisi lasse sich nun ableiten, dass die an anderen Orten gefundenen Skelett- und Schädelstücke einer einzigen Art angehört hätten. Aus fünf Funden sind bisher fünf Arten konstruiert worden. Jetzt wird aus den fünf Funden in Dmanisi eine einzige Art re-konstruiert. Welch schöne Symmetrie. Paläoanthropologie hat zuweilen ein ganz klein wenig von Magie an sich.

So ganz revolutionär ist die Erkenntnis allerdings nicht. Es gab schon bislang unterschiedliche Schulen in dieser Sache: Die AngloamerikanerInnen tendierten zur Ansicht, es gebe mehrere Arten, die EuropäerInnen waren ein bisschen skeptischer.

Immerhin, das Resultat ist erfreulich. Als Sieger geht nämlich hervor: der Homo erectus. Er soll alle anderen bisher behaupteten HomoArten einschliessen. Der aufrechte Mensch ist ja wirklich viel eindrücklicher als der Homo rudolfensis, der aufgrund seines Fundorts benannt wurde, oder der Homo habilis, der «Handy man», was im Englischen ja der Mann für alle Fälle ist.

Aufrecht sind wir also alle einmal gewesen. Aufrecht wollen wir weiter in die Zukunft schreiten.

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