Nr. 44/2013 vom 31.10.2013

Denkt an euch!

Von Dominik Gross

Wer sich über die Schwelle einer Notaufnahme trinkt, soll das in Zukunft selbst bezahlen. Dieser Meinung ist die Gesundheitskommission des Nationalrats. Die bürgerlichen BefürworterInnen in der Kommission erhoffen sich davon eine präventive Wirkung. Die Idee: Insbesondere Jugendliche mit masslosem Durst würden früher mit dem Bechern aufhören, wenn sie am anderen Morgen nicht nur mit einem zünftigen Kater, sondern auch noch mit tausend Franken Schulden aufwachten.

Dem Personal in den Notaufnahmen wäre es zwar zu gönnen, wenn es sonntagmorgens dank finanzieller Anreize weniger Erbrochenes aufwischen müsste. Aber die vorgeschlagene Massnahme wird ihre Wirkung verfehlen, macht doch gerade die Preisgabe aller möglichen Werte einen wesentlichen Reiz am Rausch aus.

Über die wahren Absichten hinter der Vorlage gibt der Absender der Vorlage einigen Aufschluss: Es ist der Krankenkassenlobbyist und Zürcher SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi. Dass dieser die kompromisslosen RauschtrinkerInnen zur Kasse bitten will, überrascht nicht, schliesslich freut jeder Franken, den PatientInnen selbst berappen müssen, die Versicherer. Hoch anzurechnen ist dem SVP-Schwergewicht dabei, dass er sein drohendes persönliches Schicksal den Interessen jener unterordnet, die er vertritt: Der Entscheid der Gesundheitskommission kommt nämlich einem Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen gleich und markiert den Übergang zum eigenverantwortlichen Verursacherprinzip. Konsequenterweise müssten dann auch gut Genährte wie Bortoluzzi für ihre künstlichen Hüftgelenke bezahlen, FreizeitsportlerInnen wie sein Fraktionskollege Jürg Stahl für ihr Loch im Kopf und RaucherInnen wie BDP-Präsident Martin Landolt für ihre Lungentransplantation. Die Gesetzesvorlage könnte also auch ihren Absender noch einholen.

So gesehen, kann Mensch Bortoluzzi nur hoffen, dass seine bürgerlichen KollegInnen im Nationalrat für einmal weniger an die «Eigenverantwortung» und mehr an ihre ganz persönlichen Interessen denken und die Vorlage des Lobbyisten Bortoluzzi im Nationalrat noch abschiessen. Schliesslich sind Bortoluzzi, Stahl und Landolt zum Glück nicht die Einzigen, die in einer zunehmend genussfeindlichen Gesellschaft weiterhin einem kostentreibenden Laster frönen.

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