Nr. 47/2013 vom 21.11.2013

Eine Schweiz. Oder wieviele?

Von Yves Wegelin

Jenseits der nationalen Aufmerksamkeit, im Jura, stehen die Menschen kurz davor, an der Urne eine der grossen Fragen des 19. und des 20. Jahrhunderts zu beantworten: Was ist eine Nation? Sind sie als JurassierInnen eine? Eine, die wenn auch keinen Staat, immerhin einen eigenen Kanton verdient?

Die BürgerInnen des Berner Jura und des Kantons Jura stimmen am Sonntag über eine Vorlage ab, nach der eine Verfassunggebende Versammlung einen Entwurf für einen gemeinsamen neuen Kanton erarbeiten soll. Die Vorlage stammt von der Interjurassischen Versammlung, die unter Bundesaufsicht installiert wurde, nachdem seit 1978, dem Geburtsjahr des Kantons Jura, wiederholt entsprechende Forderungen laut geworden waren. Dass der Südjura damals bei Bern bleiben wollte, hat der neue Kanton nie verdaut. Laut Prognosen wollen drei Viertel seiner Bevölkerung der Vorlage zustimmen. Der Berner Jura dürfte sie jedoch beerdigen.

Für die in der Linken verankerten SeparatistInnen sind die JurassierInnen eine Nation. Und dem Geist der Französischen Revolution von 1789 folgend, hätten sie als Volk ein Recht auf Selbstbestimmung. Niemand hat sich mit der Frage, was die JurassierInnen zum Volk macht, so eifrig befasst wie der 1993 verstorbene Sozialdemokrat Roland Béguelin, Vater des jurassischen Separatismus: Die JurassierInnen zeichneten sich durch ihre überlegene französische Sprache aus sowie durch die Tatsache, dass sie am Wiener Kongress 1815 willkürlich Bern zugeschlagen worden waren, unter dessen Joch sie seither litten.

Die Vorstellung eines ethnischen Volkes entspricht jedoch nicht dem Geist der Französischen Revolution. Sondern jenem des Nationalismus, der Ende des 19. Jahrhunderts Europa überrollte, die Arbeiterbewegung im Völkerhass erstickte und letztlich im Zweiten Weltkrieg endete. Béguelin hatte sich einst gar zur Forderung verleiten lassen, die Gemeindebehörde sei von Deutschschweizer Namen zu «reinigen».

Die Idee der Französischen Revolution ist die der Selbstbestimmung der Menschen: als Zusammenschluss juristisch konstruierter StaatsbürgerInnen – egal welcher Religion, Hautfarbe oder Sprache. Die Frage «Qu’est-ce qu’une nation?» beantwortete der Gelehrte Ernest Renan 1882 so: «Es gibt im Menschen etwas Höheres als die Sprache: Das ist der Wille.» Diese Idee der Willensnation steckt auch im Schweizer Bundesstaat, wie er 1848 gegründet wurde.

Wie sonst liesse sich in der viersprachigen Schweiz ein Staat zusammenhalten? Wie dem derzeit wieder aufstrebenden Nationalismus in Europa begegnen? Wie den Millionen Menschen, die über den Globus migrieren, eine neue Heimat geben?

Um die Willensnation steht es nicht zum Besten, in der Romandie sind Seitenhiebe auf die Deutschschweiz allgegenwärtig. Diese trägt jedoch ihre Schuld daran. Nicht dass sie einen feindseligen Nationalismus gegen die Romandie pflegen würde. Schlimmer: Sie ignoriert sie. Die Haltung zeigt sich in der Arroganz etlicher Kantone, die in den Schulen Französisch als erste Fremdsprache durch Englisch ersetzt haben. Oder in den Deutschschweizer Medien, die die Romandie links liegen lassen, dafür wochenlang über einen verwirrten SVP-Professor berichten.

Die SRG, die den Auftrag hat, den «Zusammenhalt» unter «Landesteilen, Sprachgemeinschaften, Kulturen und gesellschaftlichen Gruppierungen» zu fördern, strahlt mit «Die Woche in Tessin und Romandie» eine Radiosendung aus, in der sie sich lobt, einmal die Woche «über die Sprachgrenzen» zu blicken. Ein Eingeständnis, dass sie die Woche hindurch schlicht ihren Auftrag nicht erfüllt.

Auch im Jurakonflikt trägt das deutschschweizerische Bern seine Schuld. Der Jura wurde jahrzehntelang diskriminiert. Die Geburtsstunde des Separatismus war die Moeckli-Affäre 1947: Der Berner Grossrat verweigerte dem Jurassier Georges Moeckli die Baudirektion mit dem Argument, dieses sei den deutschsprachigen Altbernern vorbehalten – Wochen darauf formierte sich in Moutier ein Komitee, das die Anerkennung des «jurassischen Volkes» forderte.

Der nationalistische Separatismus lauert auf allen Seiten.

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