Nr. 43/2013 vom 24.10.2013

Warum ist die jurassische Bevölkerung so rebellisch?

In ihrer Jugend hat Irma Hirschi gegen die «Besetzer aus Bern» gekämpft. Heute setzt sie sich für die nachhaltige Entwicklung einer Randregion und für eine Staatsgewalt im Dienst der Bevölkerung ein.

Von Helen Brügger (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Bern wollte uns mit Gewalt ‹einen gesunden deutschen Geist› einprügeln»: Irma Hirschi in ihrem Wohnzimmer im bernjurassischen Moutier.

WOZ: Frau Hirschi, Sie verwenden oft den Begriff «jurassisches Volk». Was verstehen Sie darunter?
Irma Hirschi: Mit «Volk» meine ich eine Gruppe von Menschen, die sich der gleichen Gemeinschaft zugehörig fühlen – durch das Teilen von gemeinsamer Sprache, Kultur, Geschichte und daraus folgend auch bestimmten Sensibilitäten und Vorlieben.

Und seit wann gibt es dieses jurassische Volk?
Seit der Entscheidung des Wiener Kongresses im Jahr 1815, das jurassische Gebiet Bern zuzuschlagen. Das ist der historische Beginn der Jurafrage. Es war ein Entscheid am grünen Tisch, um den Kanton Bern über den Verlust seiner Untertanengebiete in der Waadt und im Aargau hinwegzutrösten – kein Wunder, führte eine solch künstliche Annexion zu Spannungen. Denn Bern hat sich nicht als «sanfte und paternalistische» Herrschaft gezeigt, wie das die Fürstbischöfe von Basel bis zur Französischen Revolution getan hatten. Bern wollte uns mit Gewalt «einen gesunden deutschen Geist» einprügeln. Die Berner Herren haben uns nie als Minderheit geachtet und respektiert, sie waren arrogant und verachtend.

Arrogant?
Nehmen wir die berühmte Moeckli-Affäre von 1947: Der jurassische Politiker Georges Moeckli sollte zum Direktor des Bau- und Eisenbahndepartements ernannt werden, doch das Berner Kantonsparlament verhinderte seine Wahl unter dem Vorwand, er spreche nicht gut genug Berndeutsch. Diese Affäre hat das jurassische Volk verletzt. Daraus ist das Mouvement séparatiste jurassien entstanden – im September 1948 wurde die erste «Fête du peuple jurassien» gefeiert.

Während der sechziger und siebziger Jahre hat die separatistische Bewegung soziale und pazifistische Elemente erhalten. Sind diese Elemente heute noch Bestandteil der Bewegung?
Eindeutig ja. Einer der entscheidendsten Momente war in den sechziger Jahren der Kampf gegen den Waffenplatz in den Freibergen. Der Widerstand gegen die Zerstörung eines unserer schönsten Gebiete erfasste die ganze Bevölkerung.

Es kam auch zu Anschlägen gegen die Armee.
Sie sprechen vom Front de libération du Jura, der Höfe, die der Armee gehörten, in Brand steckte. Ja, das war illegal, aber wir verstanden diese Handlungen nicht als kriminell. Im Geist der Zeit wurde das als eine Möglichkeit empfunden, gegen die Besetzer zu kämpfen.

Haben Sie bei illegalen Aktionen mitgemacht?
Ich war Mitglied der Gruppe Béliers, einer sehr militanten separatistischen Jugendorganisation. Aber ich war nie bei illegalen Aktionen dabei, auch wenn mein Lebenspartner und ich uns einig waren, dass starke Aktionen nötig sind, um unser Land zu verteidigen. Wir lebten auf einem Bauernhof und mussten eine Hausdurchsuchung über uns ergehen lassen. Die Polizei suchte nach nicht vorhandenem Sprengstoff. Trotzdem blieb mein Partner zwei Wochen in Untersuchungshaft. Das war damals, Mitte der siebziger Jahre, eine richtige Hetzjagd.

Ist das auch heute noch zu spüren?
Nein. Der antikolonialistische Aspekt des Kampfs ist vorbei. Heute geht es darum, dass wir uns die richtigen Werkzeuge für unsere Entwicklung geben: kantonale Souveränität, ein grösseres politisches Gewicht, eine Staatsgewalt im Interesse des Volks. Aber auch heute geht unser Kampf über die regionale Bedeutung hinaus: Wie kann den zentralistischen politisch-ökonomischen Kräften entgegengewirkt und die nachhaltige Entwicklung einer Randregion gewährleistet werden?

Sie wollen einen «canton romand» gründen, der zwangsläufig eine Randregion der Romandie bleiben wird?
Ja, aber dieser Kanton wird offen sein für die Schweiz und Europa. Je stärker er im Innern ist, desto offener und fortschrittlicher wird er gegen aussen sein – im Gegensatz zum Kanton Bern und der deutschen Schweiz, wo sich die Europafeindlichkeit durchzusetzen scheint.

Was werfen Sie uns Deutschschweizern vor?
Ich war und bin nicht gegen die Deutschschweiz. Seine eigene Identität zu bekräftigen, heisst nicht, die Identität anderer abzulehnen. Aber wir sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie die Romands, wir haben die gleiche Kultur und eine Reihe von gemeinsamen Werten. Was uns eint, ist auch das ausgeprägte Gefühl, einer Minderheit anzugehören.

Woher hat die jurassische Bevölkerung ihren rebellischen Geist?
Wir sind in der Schweizer Geschichte die Letzten, die gegen das helvetische Establishment angetreten sind. Wir mussten für unsere Freiheit kämpfen. Ohne politische Autonomie gibt es keine Freiheit. Autonomie ist aber auch ein Synonym für Verantwortung.

War die Kantonsgründung im Jahr 1979 dem rebellischen Geist nicht eher abträglich?
Der Kanton Jura ist erwachsen geworden, in seine neue Rolle hineingewachsen. Er hat Verantwortung übernommen und sich eingegliedert. Aber er bleibt der fortschrittlichste Kanton der Schweiz.

Irma Hirschi (62) ist Sekretärin des Mouvement autonomiste jurassien und hofft auf ein doppeltes Ja am 24. November. Dann entscheidet sich, ob eine verfassunggebende Versammlung für einen grossen Kanton Jura eingesetzt wird.

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