Nr. 48/2013 vom 28.11.2013

Müde, zufrieden – und erst am Anfang

Am Fest für die 1:12-Initiative zeigt sich: Aus der Juso ist eine Bewegung geworden. Sie reicht aber noch kaum über die Partei hinaus.

Von Timo Posselt (Text) und Ruben Hollinger (Foto)

So sieht eine «Kriegserklärung an die Wirtschaft» aus: SP-Nationalrat Cédric Wermuth duscht Juso-AktivistInnen am Abstimmungsfest im Berner Gaskessel.

Lewin Lempert grinst. «Geil», sagt der Siebzehnjährige, «in meinem Kreis haben wir noch keine Abstimmung verloren.» Das stimmt auch für 1:12: In den Zürcher Kreisen 4 und 5 wurde die Juso-Initiative angenommen. Lempert ist erst seit einem Jahr bei der Jungpartei und ist begeistert: «Wir veranstalteten Podien an Schulen zu 1:12. Da wurden viele Gleichaltrige politisiert.» Vor der Initiative sei er als Einziger seiner Klasse in der Juso gewesen. «Jetzt sind wir zu dritt», erzählt Lempert vor dem Berner Jugendzentrum Gaskessel.

Drinnen ist es heiss. Gut hundert Jusos und ein Dutzend Journalisten haben sich hier am Sonntagmittag versammelt, um die Abstimmungsresultate zu verfolgen. Die meisten sind müde von der Party am Vorabend, doch sie strahlen Zufriedenheit aus. Das tut auch Marco Kistler. Der 29-jährige Glarner Kantonsrat hatte massgeblichen Einfluss auf die Lancierung der 1:12-Initiative. «Wir sind eine Bewegung, die nicht für die Initiative entstanden ist.»

«Tessin», raunt es kurz nach 13 Uhr aus der Menge vor der Leinwand. Die Resultate werden aufgeschaltet, 49 Prozent Zustimmung. Es gibt verhaltenen Applaus, vereinzelt recken sich Fäuste und jemand ruft: «Historisch!»

Kampagne für Junge

Kristina Schüpbach bleibt dabei unauffällig, doch eigentlich tat die Jungsozialistin in den letzten Monaten nichts anderes, als für die Initiative zu kämpfen: «Wir haben alle sehr wenig geschlafen und hatten viel Stress. Auch intern gab es immer wieder Auseinandersetzungen, doch die waren nötig.»

Es sei eine Bewegung entstanden, die auch über die Abstimmung hinaus glaubwürdig bleibe. Die Juso wird die Menschen, die auf ihren Balkonen eine Fahne raushängten, auch in Zukunft kontaktieren. Sie will ihnen zu verstehen geben, dass es einen langen Atem braucht, um etwas zu verändern.

Leona Klopfenstein engagierte sich bei der Juso Aargau für die Initiative. Sie erzählt von der Durchmischung der Bewegung: «Uns rief eine siebzigjährige SPlerin an, die unbedingt eine Aktion mit uns machen wollte.» Zusammen gingen sie dann auf die Strasse und verteilten Flyer. Eine Million brachten die Jusos im Verlauf der Kampagne unter die Leute. 27 000 Fahnen hingen aus Fenstern und von Balkonen, und 2000 bis 3000 HelferInnen setzten sich aktiv für 1:12 ein.

Im Gaskessel bleibt trotzdem der Eindruck: Die Jusos haben sich zwar zur Bewegung gemacht, über die organisierte Linke hinaus sind sie aber noch nicht breit abgestützt. Im Jugendzentrum fehlen die Zaungäste, und neben den JungsozialistInnen kamen nur die Parteispitzen von SP und Grünen sowie Gewerkschaftschefs. «Uns fehlte die Zeit, zum Beispiel auch die Rentnerinnen und Rentner zu erreichen», räumt Marco Kistler ein. «Die Kampagne richtete sich vor allem an Junge.»

Auf der Leinwand stehen die krawattierten Gegner verloren in einem Kronleuchtersaal und kommentieren mit ernster Miene die Resultate. Im Jugendzentrum ernten sie dafür viel Häme.

Dezidiert gewinnt

SP-Nationalrat Cédric Wermuth ergreift das Wort und zitiert FDP-Unternehmer Ruedi Noser, den Wortführer der Gegenkampagne. «Er hat gesagt, alles über 30 Prozent sei eine Kriegserklärung an die Wirtschaft.» Am Schluss stimmten 34,7 Prozent für die Initiative. «Das war erst der Anfang.» Im Gespräch erklärt Wermuth: «Uns geht es darum, das Projekt einer anderen Wirtschaftsordnung greifbar zu machen. Die nächsten linken Vorlagen müssen sich wieder um Fragen des Lohns, der Steuern und des Vermögens drehen.» Mit 1:12 habe man bewiesen, dass eine dezidiert linke Politik Wirkung zeige.

Auch Juso-Präsident David Roth ist zufrieden: «Wir haben ein Jahr lang die öffentliche Debatte mitbestimmt. Das soll so bleiben.» Er fordert den Einbezug der linken Basis. «Unsere Politik sollte nicht in den Hinterzimmern stattfinden.» Mit 1:12 hätten sie auch die Leute in der SP von ihrem dezidierten Kurs überzeugt. Selbst der Reformer Ruedi Strahm habe der Juso zur Initiative gratuliert.

Die krawattierten Herren sind inzwischen von den Bildschirmen verschwunden. SRF sendet eine Tierdokumentation mit kopulierenden Erdmännchen. Die jungen Leute im Gaskessel wollen so schnell nicht verschwinden. Zum Schluss gibts Risotto und Freibier. Marco Kistler sagt: «Wir machen unseren Gegnern auch in Zukunft keine Freude.»

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