Nr. 48/2013 vom 28.11.2013

Leiser Protest

Von Anina Ritscher

Rafael (Jesús Padilla) ist Hausmeister in einer Glühbirnenfabrik in Tijuana, Mexiko. Nach dreissig Jahren Arbeit zahlt ihm sein Chef keine Rente, da er ein illegaler Immigrant aus El Salvador ist. Stattdessen darf er grosszügigerweise weiterarbeiten. Zurückhaltend und treu, wie er ist, beugt sich Rafael dieser Ungerechtigkeit ohne Widerrede.

Parallel zu Rafael wird die Geschichte von Lidia (Susana Salazar), seiner ehemaligen Geliebten erzählt. Lidia arbeitet mit sechs anderen Angestellten für eine sehr reiche alte Dame, und das schon seit dreissig Jahren. Als diese stirbt, hinterlässt sie ihr ganzes Vermögen ihrem verwöhnten Hund und verlangt in ihrem Testament, dass das Personal weiter im Haus arbeitet wie bisher – nur jetzt für den Hund. «Princesa» frisst Filet Mignon, trinkt Edelmarkenwasser aus dem vergoldeten Napf und wird täglich bei streng kontrollierter Temperatur gebadet. Mit dem Mercedes chauffieren die Angestellten den Hund jeden Abend auf einen Berg, damit er den Sonnenuntergang geniessen kann. Rafael und Lidia sind ihren Vorgesetzten völlig ausgeliefert. Mit subtiler Ironie betont José Luis Valle in «Workers», wie absurd die beiden Situationen sind und wie unterwürfig die Hauptfiguren sich ihnen zu fügen scheinen. Leise, dezent und fast unsichtbar protestieren sie trotzdem.

Die manchmal fast ins Unerträgliche verlängerten Einstellungen verstärken den tragisch-ironischen Tonfall des Films. Die ZuschauerInnen geraten in eine Beobachterposition, wenn sie zum Beispiel während mehrerer Minuten das Geschehen vor einem Bordell mitverfolgen können, als sässen sie auf dem Randstein vis-à-vis. Der Film zelebriert die Langsamkeit und testet die Geduld der ZuschauerInnen. Die wird aber belohnt mit atemberaubenden und präzise komponierten Bildern. «Workers» besticht mit seiner distanzierten Ästhetik und seiner unaufgeregten Art, die das Machtverhältnis zwischen Arm und Reich ins Absurde treibt. Es ist ein leiser Film, fast so leise wie der Widerstand der beiden HeldInnen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch