Nr. 50/2013 vom 12.12.2013

Mit Leiterwagen und viel Schalk

Ursula Brunner zählt zu den Begründerinnen der Fair-Trade-Bewegung. Mit ihren Ideen sorgte sie bei Männern immer wieder für Irritationen. Nun werden die «Bananenfrauen» gewürdigt.

Von Tirza Gautschi

Fair-Trade-Pionierin Ursula Brunner: «Männer haben eine ganz andere Denkweise.» Foto: Ursula Meissner

In der Stimme von Ursula Brunner ist kein Zögern zu hören: «Wenn ich keine Kinder hätte, wäre ich der selbstgerechteste, unausstehlichste Mensch.» Jedes Wort, das die Thurgauerin äussert, scheint über ihre 89 Lebensjahre so lange gereift zu sein, dass sie es heute ohne Bedenken ausspricht.

Brunner war 21, als sie ihren Mann, einen Pfarrer, kennenlernte. «Ich war damals ein Mensch auf der Suche nach sich selbst und sehr verschlossen.» Eigentlich wollte sie Ärztin werden, wie ihr Vorbild Albert Schweitzer, und nach China reisen. Doch die Begegnung änderte Brunners Pläne. Ein liebenswerter Mensch sei ihr Mann gewesen, der diesen Frühling verstarb: eine jener Personen, die den Raum betreten und diesen für sich einnehmen. «Er war so liebenswert, manchmal für mich fast ein wenig zu viel. Da kann die Frau ja nicht auch noch so sein.»

Trotzdem verzichtete sie nach langem Überlegen auf das Studium – ihr Mann war der Meinung, dass dies neben dem Dasein als Mutter und Frau nicht machbar wäre. «Ich habe ziemlich früh geheiratet mit dem tiefen Wunsch, seine Gehilfin zu werden.» Während Brunner ihren Mann bei seiner Arbeit unterstützte, brachte sie sieben Kinder zur Welt.

Am Anfang war die Banane

Brunner versuchte in ihrem Leben immer wieder, ihre Grenzen auszuloten. Als sie 1973 im Rahmen eines Frauenabends den Film «Bananera libertad» vorführte, waren die anwesenden Frauen entsetzt über die Arbeitsbedingungen in Zentralamerika. Und als die Migros kurz darauf den Bananenpreis deutlich senkte, beschlossen sie zu handeln.

Mit einem Leiterwagen und einer selbst verfassten Bananenzeitung zogen fünfzig Frauen durch Frauenfeld, um 600 Kilogramm Bananen zu verteilen. Die Vertreter von der Migros hatten sich derweil in der Beiz gegenüber dem Rathausplatz einquartiert und die Aktion beobachtet. Noch heute glitzert bei der Erinnerung der Schalk in den Augen von Ursula Brunner: «Da tun sie so wichtig und hocken dann den ganzen Samstag in der Beiz, um zu schauen, was die Frauen da machen.» Später reiste Brunner mehrmals selbst nach Zentralamerika.

Dass sich die Männer ihren Ideen gegenüber wenig tolerant zeigten, bekam Ursula Brunner auch bei der FDP zu spüren, für die sie im Kantonsrat politisierte. Schon immer habe sie das Thema Armee beschäftigt, der Gedanke, dass man die Sicherheit nicht bei den Waffen suchen könne. 1982 erfuhr sie von der Wehrschau in Frauenfeld. «Da konnte ich mich nicht mehr verstecken.»

An einer Delegiertenversammlung der FDP wehrte sie sich gegen den Ausbau der Armee. Doch sie blieb erfolglos und stimmte als Einzige gegen den Antrag. Während der Wehrschau campierte sie zusammen mit anderen Mitgliedern der Gruppe Frauen für den Frieden auf einer Wiese in Frauenfeld. Ein friedlicher Ort, wo die Demonstrantinnen zwischen Kindern und Kochtöpfen über die Zukunft und die Probleme der Schweiz diskutierten. «In der Stadt ging das Gerücht um, dass es sich um Hexen handeln musste. Wir haben sogar Morddrohungen erhalten.» Die FDP drängte Brunner im selben Jahr aus der Partei.

Die Kraft der Frauen

Dass (wie ja klar den Namen zu entnehmen ist) sowohl bei den Frauen für den Frieden als auch bei den Bananenfrauen keine Männer dabei waren, sei klare Absicht gewesen. «Männer haben eine ganz andere Denkweise», sagt Brunner voller Überzeugung. Auch bei den Debatten im Kantonsrat sei ihr das aufgefallen. «Mensch, dachte ich, wie kann man nur so wenig Ahnung vom Leben haben.»

Während die Karriere ihres Mannes immer ruhiger verlief, erlebte Brunner grosse Erfolge. Sie gründete mit den Bananenfrauen den Verein Arbeitsgemeinschaft gerechter Bananenhandel (Gebana) und brachte die erste Schweizer Fair-Trade-Banane auf den Markt. «Während die Männer mit dem Alter immer müder werden, erleben viele Frauen in dieser Zeit einen neuen Energieschub. Die Kinder sind aus dem Haus, die Anforderungen haben einen stark gemacht, und plötzlich ist da eine ungeheure Kraft, die zur Verfügung steht», erklärt Brunner und deutet mit ihren zierlichen Armen ein Kreuz an. «Hier schneiden sich die Linien.»

Auch sie selbst erlebte diese Wende in ihren 67 Ehejahren. «Ich habe so viele Jahre für meinen Mann gelebt und hatte irgendwie die Hoffnung, dass er jetzt ein wenig auf meine Seite kommt, denn im Grunde habe ich etwas gemacht, das auch er gut gefunden hat», erzählt sie, und für einen kurzen Augenblick ist zwischen den Worten leise Enttäuschung zu spüren. «Doch man muss gemeinsam versuchen, diese Wege wieder zusammenzubringen», sagt Brunner und faltet die Hände.

Ausstellung: «Hartnäckig und unverfroren. 
Die Bananenfrauen von Frauenfeld». 
Bis 9. Februar 2014. Stadtgalerie Baliere, Frauenfeld.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch