Nr. 51/2013 vom 19.12.2013

Arme Krankenkassen, böse Ausländerinnen

Von Noëmi Landolt

AbtreibungsgegnerInnen liegt heute anscheinend nicht mehr nur der Schutz ungeborenen Lebens am Herzen, sondern auch das Wohlergehen der Krankenkassen. «Absurd: Krankenkassen sind die einzigen Unternehmen auf der Welt, die für die Tötung ihrer Kunden von morgen bezahlen müssen.» So steht es fett gedruckt in der diese Woche an die Schweizer Haushalte verteilten «Abstimmungszeitung» zur Initiative «Abtreibung ist Privatsache», die Schwangerschaftsabbrüche aus der Grundversicherung der Krankenkasse streichen will.

Liest man weiter, finden sich dann auch die bekannten christlich-reaktionären Argumente, die sich mit Emanzipations- und Fremdenfeindlichkeit paaren. So wird unter dem Zwischentitel «Abtreibung als kostenloses Verhütungsmittel?» ohne Umschweife die fremdenfeindliche Keule ausgepackt: «Rund 50 Prozent aller Abtreibungen in der Schweiz werden von Ausländerinnen mit Wohnsitz in der Schweiz vorgenommen. (…) Die Vermutung liegt nahe, dass Abtreibung als kostenloses Verhütungsmittel missbraucht wird. Wo die Eigenverantwortung fehlt, muss die Allgemeinheit die Kosten berappen.»

Zusammen mit der SVP-Abschottungsinitiative, über die ebenfalls am 9. Februar abgestimmt wird, entsteht folgendes Bild: Unkontrolliert einwandernde Ausländerinnen kommen in Massen in die Schweiz, um hier hemmungs-, verantwortungs- und auch noch kostenlos abzutreiben. Verschwiegen wird, dass Abtreibungen in den wenigsten Fällen wirklich gratis sind. Über Prämien, Franchise und Selbstbehalt bezahlen Frauen heute bereits einen entsprechenden Anteil – so auch in der Schweiz wohnhafte Frauen mit ausländischer Staatsbürgerschaft.

Dass Abtreibungsraten nicht eine Frage der Nationalität, sondern viel mehr der sozioökonomischen Schicht, des Zugangs zum Gesundheitswesen und zu Informationen über Verhütungsmethoden sind, interessiert die AbtreibungsgegnerInnen nicht. Das überrascht nicht: 16 der 27 InitiantInnen von «Abtreibung ist Privatsache» sitzen auch im Komitee der am Dienstag eingereichten «Schutzinitiative», die sich – aufgeschreckt von Holzschwänzen und Plüschvaginas – gegen Sexualerziehung an Kindergärten und Schulen wehrt.

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