Nr. 51/2013 vom 19.12.2013

Interessieren Sie sich nicht für die Filme, die Sie mitproduzieren?

Vladimir Jankijevic hat den Mainstream der Animationsfilme satt. Er schaut lieber kleine Independentproduktionen. Im Gespräch erklärt er, warum seine Arbeit ähnlich kreativ wie die eines Chirurgen ist und wieso seine Firma einer Rockband gleicht.

Von Anina Ritscher (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Vladimir Jankijevic: «Mich interessiert die Technik, die hinter einem Film steht, nicht der Film selber.»

WOZ: Vladimir Jankijevic, ist dreidimensionale Animation Kunst?
Vladimir Jankijevic: Es kommt darauf an, was man macht. Die 3D-Animation ist ja nur ein Werkzeug. Es kann für kommerzielle Zwecke wie Werbung eingesetzt werden, das ist dann keine Kunst. Es kann aber auch für künstlerische Projekte eingesetzt werden. Doch der Begriff «Kunst» stört mich, weil er so schwer zu definieren ist.

Ist Ihr Beruf denn kreativ?
Mein Beruf klingt sehr technisch, weil er mit Computern zu tun hat. Deshalb fällt es den meisten Leuten schwer, sich das, was ich mache, als kreativen Beruf vorzustellen. Dabei ist der Computer eigentlich wie der Fotoapparat für einen Fotografen nur ein Hilfsmittel. Und ja, es ist unglaublich kreativ, was ich mache. Es ist die gleiche Kreativität, die ein Chirurg haben muss, der ein Herz operiert. Der muss sich auch eine konkrete Lösung für ein Problem überlegen und sicherstellen, dass sein Patient nicht verblutet. Und jedes Problem ist anders. Die kreativsten Menschen haben meiner Meinung nach immer auch ein umfangreiches technisches Verständnis. In meinem Gebiet sind viele Techniknerds tätig. Das sind wahnsinnig interessante Leute, die viel wissen. Und eben auch viele kreative Leute, die ja eigentlich auch Nerds sind, einfach auf ihrem Gebiet.

Sind auch Sie ein Nerd?
Ja!

Wie bilden Sie sich weiter? Schauen Sie Filme zur Recherche?
Nein, für die Recherche habe ich andere Quellen. Mich interessiert die Technik, die hinter einem Film steht, nicht der Film selber. Ich nehme zum Beispiel alle zwei Jahre an einem Workshop in Los Angeles teil. Da stellen prominente 3D-Animatoren aus aller Welt ihre letzten Projekte vor. Und es werden neue Technologien ausgetauscht.

Wenn Sie sonst Filme schauen, was schauen Sie gerne?
Ich mag diese extrem effektlastigen Filme nicht. Die sind völlig sinnentleert. «Pacific Rim» zum Beispiel. Da kämpfen riesige Roboter miteinander. Der ist richtig schlecht. Die Animation dahinter ist aber trotzdem spannend. «Matrix» war ein grandioser Film. Oder «Ghostbusters» aus meiner Kindheit. Solche Filme werden nicht mehr gemacht. Ich schaue lieber kleinere Produktionen ohne 3D-Animationen, weil mich die Themen dort meistens mehr ansprechen.

Die Filme, die Sie mitproduzieren, interessieren Sie also gar nicht?
Die Filme, die diese Industrie produziert, nein, die schaue ich nicht so gerne. Mich interessiert aber die Technik dahinter sehr.

In welche Richtung geht die Technik?
Der nächste Schritt ist die Live-3D-
Animation. Das bedeutet, dass man sich in eine virtuelle Welt begibt, anstatt sie auf dem Bildschirm zu verfolgen. Darüber wird schon seit sechzig Jahren gesprochen, und es ist doch nie so weit gekommen – deshalb liege ich wahrscheinlich mit meiner Prognose falsch. Es ist aber trotzdem schön, darüber zu sprechen. Mit der schnellen Rechenleistung, die wir heute haben, kann man sehr schnell 3D-Bilder generieren. Die Bilder müssen nicht im Voraus berechnet und dann abgespielt werden, sondern können laufend berechnet und sofort dargestellt werden. «Oculus Rift» ist ein Projekt, das einem erlaubt, mit einer 3D-Brille in eine virtuelle Welt einzusteigen. Man zieht die Brille an und ist von einer virtuellen Welt umgeben. Es gibt erste Firmen, die für dieses Produkt Inhalte entwickeln. Das sind im Moment simple Spielereien. Da kann man dann zum Beispiel im All schweben und sich die Planeten anschauen.

In welchem Zeitrahmen kommt das auf uns zu?
«Oculus Rift» gibt es jetzt schon. Entwickler können diese Brille schon kaufen. Wir haben eine hier im Büro. In den nächsten fünf Jahren wird das so selbstverständlich sein wie heute das iPhone. Da die Entwicklung unglaublich schnell voranschreitet, ist eine möglichst präzise Vorhersage sehr schwierig. Jedes Jahr kommen neue Programme auf den Markt, die unsere Arbeit vereinfachen. Und sie werden immer erschwinglicher, sodass auch Einzelpersonen extrem professionelle Applikationen verwenden können. Früher war das nur den grossen Produktionsfirmen möglich.

Bedeutet das eine Demokratisierung für die Filmbranche?
Nein, nicht wirklich. Die kleineren Firmen können den grösseren noch nicht das Wasser reichen. Grosse Firmen wie Pixar und Disney haben viel mehr Mittel. Vor allem, was die Mitarbeiter angeht. Das ist wie ein Orchester: Dort gibt es für jedes Instrument eine Person, die dieses Instrument perfekt beherrscht. Deshalb sind ihre Filme auf allen Ebenen überzeugend. Wir sind mehr wie eine Rockband: Jeder kann alles ein bisschen. Der Schlagzeuger kann auch noch ein wenig Bass spielen, und der Sänger spielt gleichzeitig Gitarre. Wir machen aber auch Musik. Nur für ein anderes Publikum und in einem anderen Genre.

Aber klar, es ist mit den neusten Technologien möglich, mit zwei Leuten den gleichen Effekt zu erzielen, für den es vor zwanzig Jahren noch vierzig benötigte. Das erlaubt es auch kleinen Firmen, grosse Projekte umzusetzen.

Vladimir Jankijevic (29) hat die Firma Elefant Studios im Jahr 2008 mitgegründet. Ihr letztes Projekt waren Animationen für den Film «Das kleine Gespenst». Jankijevic hat ein Programm geschrieben, mit dem er jede einzelne Feder der Figur des «Uhu-Schuhu» kontrollieren konnte.

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