Nr. 02/2014 vom 09.01.2014

«Ehe die Petroleumlampe angezündet wurde»

Der politisch-dokumentarische Autor Erich Hackl nähert sich der Biografie seiner Mutter in einer literarisch ganz eigenen Form – jener des Gedichts. Damit gelingt es ihm, tief in das emotionale Alltagserleben einzutauchen.

Von Eva Pfister

Zunächst stutzt man: Wieso kommen die Kindheitserinnerungen einer einfachen Bauerntochter in Gedichtform daher? Sind Zeilenbrüche zwingend, wenn es heisst: «Hafer und Roggen und jede Menge Erdäpfel. / Dazu Rüben. Flachs. Mehr liess der Boden nicht aus.» Bald aber gewöhnt man sich an diese Verfremdung und taucht ein in eine vergangene Welt: «Die ersten Skier waren zwei Fassdauben. / An die Spitzen waren Schnüre genagelt, / zum Festhalten und zum Steuern.»

Eindringlich und verstörend

Erich Hackls Mutter wuchs im österreichischen Mühlviertel auf, nahe der tschechischen Grenze. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg geboren, gehörte sie zu den glücklicheren DorfbewohnerInnen: Sie musste nicht hungern. Nach heutigen Massstäben waren jedoch alle arm, an harte Arbeit gewöhnt und ohne grosse Hoffnungen auf Verbesserungen. Solche Flausen wurden den Kindern schon in der Schule ausgetrieben: «Das Knienlassen auf Scheitern. / Das Hochziehen am Ohr. / Das Haarereissen. / … / Besonders gefürchtet war das Nachsitzenmüssen: / wer zu spät heimkam, kam zu spät zur Arbeit / und wurde ein zweites Mal bestraft.»

Trotz Armut und alltäglicher Gewalt kommt das Buch keineswegs nur düster daher. Hackl erfasst die Welt seiner Mutter in ihrer ganzen Farbigkeit, von den schwarzen Momenten über den grauen Alltag bis zu den bunten, fröhlichen Augenblicken. Wenn auf Bällen getanzt wurde, bis Mäuse und Ratten aus dem Haus flohen; wenn der Lehrer Geschichten vorlas, die Träume von einem anderen Leben erweckten, oder: «Wenn die Frauen Spindel und Rocken weglegten. / Ehe die Petroleumlampe angezündet wurde. / Dann war es Zeit, Geschichten zu erzählen. / Diese Wonne beim Zuhören, dieses Behagen. / Die Schatten vor der Stube, vor dem Fenster der Schnee …»

Erich Hackl, der auch für die WOZ schreibt, ist ein politischer Autor. In seinen Büchern entreisst er unbekannte Opfer des Faschismus dem Vergessen. Damit will er nicht nur Anteilnahme erwecken, sondern in den Umgang mit Geschichte eingreifen. Natürlich kommen auch im Mutter-Buch die historischen Zeitläufe vor: der aufkommende Nationalsozialismus, der Krieg und 1945 die Angst vor den Siegern aus dem Osten – wovon die Mutter so lakonisch berichtet, als hätte es sich um eine sportliche Herausforderung gehandelt, im Nachthemd davonzurennen. Das ist eindringlich und verstörend, gerade in dieser authentisch-subjektiven Sicht.

Manchmal schiebt sich der Autor mit seinen Einsichten dazwischen, und da stört doch manchmal die aufgesetzte Moral. So hängt er ihren Erzählungen über die Besuche von Fahrenden den Schluss an: «Unsere Schuld war es nicht, dass sie mit einemal ausblieben. / Unsere Schuld war, dass wir nicht fragten, wo sie / geblieben waren.»

Funkelnd und treffend

Natürlich hat die Mutter auch lustige Geschichten erzählt, und Hackl weiss die Pointen zu setzen: vom Fleischhacker, der bei den Bauern nicht nur das Vieh zum Schlachten aussuchte, sondern sich nebenher erfolgreich als Kuppler betätigte. Vom Lehrer, der erstaunlicherweise die hungrigen Kinder nicht ausschimpfte, wenn sie einmal etwas mitgehen liessen: «‹Bitte Herr Lehrer!› / ‹Ja, was ist denn?› / ‹Der Steger hat auf dem Kirtag einen Lebkuchen gestohlen.› / ‹Wer hat es ausser dir noch gesehen?› / ‹Nur ich, sonst keiner.› / ‹Setz dich. Der Kirtagmann soll besser aufpassen.›»

Den Titel hat Hackl von Bettina von Arnim geborgt, die 1843 in «Dieses Buch gehört dem König» über die Missstände in Preussen berichtete. Aber Hackl geht es nicht bloss um die Schilderung misslicher Zustände. Indem er die Mutter an die Stelle des Königs in den Titel setzt, hebt er sie aus der Anonymität der kleinen Leute heraus, er adelt sie gleichsam mit seiner Aufmerksamkeit. Dazu passt, dass er ihre Erinnerungen in Verse fasst, ohne sie poetisch zu überhöhen. Man staunt, wie kunstvoll diese schlichte Sprache voller Mundartwendungen und Dialektwörter (die ein Glossar übersetzt) sich in Szene setzt, wie sie funkelt – und trifft.

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