Nr. 05/2014 vom 30.01.2014

Edle Nester für die Wandervögel

Jugendherbergen sind nicht mehr familiäre Betriebe, sondern Unternehmen, bei denen der Profit im Vordergrund steht. Dies zeigt ein Fall in Zürich, wo sich MitarbeiterInnen gegen untragbare Arbeitsbedingungen gewehrt haben.

Von Corsin Zander

Wenn es um Auszeichnungen geht, steht Fredi Gmür gerne hin. Er ist CEO des Vereins Schweizer Jugendherbergen (SJH), der im ganzen Land 53 verschiedene Gasthäuser betreibt. Seit 2011 gewannen die SJH fünf Auszeichnungen, vom Schweizer Solarpreis bis zum besten Geschäftsbericht von Non-Profit-Organisationen. In solchen Situationen preist Gmür seinen Verein an, der seit den neunziger Jahren auf Nachhaltigkeit setzt.

Wortkarger gibt er sich bei Problemen mit MitarbeiterInnen. Auch wenn er an Versammlungen stets beteuert, seine Tür stehe für alle Anliegen offen. Im Dezember wollte ihn die Stellvertreterin des Betriebsleiters der Jugendherberge in Zürich über die dortigen Missstände informieren. Da sagte er bloss, sie solle den Dienstweg einhalten. Als sie insistierte, sie würde bei ihrem Vorgesetzten kein Gehör finden, teilte er ihr mit, sie sei nun freigestellt und könne noch selbst kündigen. Heute ist sie auf Jobsuche und will sich gegenüber der WOZ zu den Vorkommnissen nicht äussern.

«Alarmierende Zustände»

Doch der Reihe nach. Im Sommer 2013 wird in der Jugendherberge Zürich die Stelle des Betriebsleiters frei. Der Standort in Wollishofen mit 290 Betten und vierzig Angestellten inklusive Lehrlingen und im Stundenlohn Beschäftigten gehört zu den grössten und wichtigsten der SJH. Deshalb liegt René Levy, dem Leiter des Bereichs, zu dem der Standort Zürich gehört, viel daran, möglichst schnell einen Ersatz zu finden.

Levy stellt D. M. ein. Der gelernte Koch hat verschiedene Zusatzausbildungen gemacht und ist eidgenössisch diplomierter Führungsfachmann. Er scheint perfekt geeignet und erhält gar die Sondererlaubnis, ausserhalb der Jugendherberge zu wohnen. Nach wenigen Wochen zeigt sich, dass er mit der Einarbeitung Mühe hat. Die Angestellten bitten ihn und seine Stellvertreterin zu einem Gespräch. D. M. zeigt sich zwar einsichtig, ändert aber wenig.

Als nächsten Schritt schreiben die MitarbeiterInnen einen mehrseitigen Brief an Bereichsleiter Levy. Darin listen sie auf, was ihnen missfällt. Das Empfangspersonal sei überlastet, weil es Managementaufgaben übernehmen müsse. Dem neuen Betriebsleiter fehle die Motivation, sich einzuarbeiten, und er zeige mangelnde Wertschätzung für ihre Arbeit. Es kommt zu einem Gespräch zwischen der Betriebsleitung von Zürich, René Levy und zwei Angestelltenvertreterinnen. Das Ergebnis: Levy kommt häufiger zu Sitzungen nach Zürich, und als Sofortmassnahme müssen alle Angestellten im Krankheitsfall nicht mehr wie üblich nach drei Tagen, sondern bereits nach einem ein Arztzeugnis beibringen – eine einzigartige Massnahme in den SJH, die sich eigentlich durch ein familiäres Arbeitsklima auszeichnen.

Für die Angestellten wird die Situation schlimmer. Deshalb wenden sie sich als Nächstes mit einer E-Mail an die Mitarbeiterkommission: «Von Anfang an sind verschiedene Dinge schiefgelaufen, die Motivation ist stark gesunken und das Befinden vieler Mitarbeiter hat sich stetig verschlechtert.» Die Mitarbeiterkommission habe schockiert gewirkt, als sie ihr von den Zuständen in Zürich erzählt hätten, schreiben sie in einer weiteren E-Mail an alle KollegInnen. Die Kommission sucht nun ihrerseits das Gespräch mit dem CEO, Fredi Gmür. Doch als sowohl der CEO als auch Levy weiterhin am Betriebsleiter D. M. festhalten, schaltet sich dessen Stellvertreterin ein, um den CEO über die «alarmierenden Zustände» zu informieren. Daraufhin wird sie freigestellt. D. M. bleibt im Amt, bis im Januar auch sein Arbeitsverhältnis – in gegenseitigem Einvernehmen, wie die SJH beteuern – aufgelöst wird.

Weder Gmür noch Levy oder D. M. wollten mit der WOZ über die Vorfälle sprechen. Die Medienstelle der SJH richtete aus, man nehme auf Fragen betreffend interne Betriebsabläufe aus Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen keine Stellung.

Nicht mehr Zewo-zertifiziert

Wie mehrere unabhängige Quellen bestätigen, handelt es sich beim Streit in Zürich um einen aussergewöhnlichen Einzelfall. Und dennoch passt er in eine Zeit, in der sich die Jugendherbergen neu ausrichten. Vom ursprünglichen Gedanken, jugendlichen Wandervögeln eine günstige Herberge zu bieten (vgl. «Zwanzig Rappen für ein Bett» im Anschluss an diesen Text) ist wenig geblieben. Seit den neunziger Jahren strebt man danach, die Betriebe möglichst profitabel zu gestalten. Während die SJH 1992 noch 17,5 Millionen Umsatz erzielten, waren es 2013 44,3 Millionen – und dies, obwohl sich die Anzahl der Herbergen von 80 auf 53 reduzierte. Die bestehenden Gasthäuser sind dafür luxuriöser ausgestaltet, und die Preise haben sich teilweise vervierfacht. Dafür bieten sie mehr. Die Massenschläge sind weitgehend verschwunden, moderne Jugendherbergen bestehen zur Hälfte aus Zweier- und Viererzimmern. Von den knapp 100 000 Mitgliedern, die die SJH heute noch haben, ist mehr als jedes dritte über 44 Jahre alt.

Gegen diese Entwicklung wäre nichts einzuwenden, doch stösst es immer wieder auf Kritik, dass die SJH als Non-Profit-Organisation nicht nur steuerbefreit sind, sondern für den Ausbau der Luxusherbergen staatliche Gelder bekommen. So unterstützte beispielsweise der Lotteriefonds 2012 den Ausbau verschiedener Jugendherbergen mit mehr als einer halben Million Franken. Hinzu kommt, dass sich der Verein mit der Transparenz schwertut. Als die Zewo im letzten Jahr Auflagen zur Transparenz und zur Entschädigung machte, lehnten die SJH das Zertifikat mit der Begründung ab, man sei kein klassisches Hilfswerk. Zuvor hatte die Stiftung Zewo die SJH seit 1942 durchgehend als vertrauenswürdiges Unternehmen zertifiziert.

Fürstlicher Lohn für CEO

Den Millioneninvestitionen in moderne Herbergen stehen Durchschnittslöhne gegenüber, die mit rund 3800 Franken dem Gesamtarbeitsvertrag des Gastgewerbes entsprechen, sich aber im tiefen Segment bewegen. BetriebsleiterInnen verschiedener Jugendherbergen beklagen das knappe Personalbudget.

Diese Lohnpolitik steht in einem krassen Gegensatz zum Lohn, den Fredi Gmür als CEO jährlich bezieht. Gemäss der «NZZ am Sonntag» betrug dieser 2012 satte 231 000 Franken. Eine Entschädigung, die bei Non-Profit-Organisationen zwar nicht einzigartig ist, aber Gmür gehört damit zu den Besserverdienenden in dieser Branche.

Kommentieren will Fredi Gmür seinen Lohn, der auch im preisgekrönten Geschäftsbericht nicht aufgeführt ist, nicht. Stattdessen lädt er die WOZ zu einem persönlichen Gespräch ein, sofern sie über die Probleme in Zürich hinaus Interesse an der Organisation habe. Er könne da etwas über die SJH erzählen. Am liebsten wohl über das neuste Jugendherbergenprojekt, das im September dieses Jahres eröffnet werden soll: das «Wellnesshostel4000» in Saas Fee. Das teuerste Bett – im Einzelzimmer – wird dort pro Nacht 105.80 Franken kosten.

Geschichte der Schweizer Jugendherbergen

Zwanzig Rappen für ein Bett

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg entstand unter Schweizer Jugendlichen eine Wanderbewegung. Der «Wandervogel», ein 1907 als Bund für alkoholfreie Jugendwanderungen gegründeter Verein, erhielt in den Nachkriegsjahren grossen Zulauf. Jugendliche versammelten sich zu mehrtägigen Ausflügen – ihr Ausdruck von ungebundener Selbstständigkeit.

Während man auf dem Land auf Bauernhöfen im Stroh leicht eine Übernachtungsmöglichkeit fand, fehlten in den Städten Unterkünfte; die Hotels waren zu teuer. Am 28. April 1924 gründeten in Zürich rund vierzig VertreterInnen verschiedener Jugendverbände – unter ihnen die Abstinente Jugend, Pro Juventute und die Wandervögel – die Zürcherische Genossenschaft zur Errichtung von Jugendherbergen. Nach einem Jahr gab es in der Schweiz bereits über fünfzig Jugendherbergen. Die Übernachtung in den bescheiden eingerichteten Häusern kostete zwischen 20 Rappen und 1.50 Franken. Die Jugendlichen legten bei den Unterhaltsarbeiten selbst Hand an.

Heute, neunzig Jahre später, heissen Jugendherbergen Swiss Youth Hostels. Es sei gelungen, den 53 bestehenden Betrieben «ihren Mief auszutreiben», lassen sich Vertreter der Jugendherbergen in verschiedenen Medienberichten zitieren. Statt im Stroh übernachten die Gäste in Designerbettwäsche. Die Kosten dafür betragen zwischen 23 Franken für ein Bett in einem Mehrbettzimmer an abgelegenen Orten und 65 Franken in einem Doppelzimmer in einer grösseren Stadt. Über die Hälfte der Gäste ist heute älter als 35 Jahre, ein Drittel gar über 45.

Corsin Zander

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