Nr. 12/2014 vom 20.03.2014

Leipzig zum Letzten

Von Ulrike Baureithel

Uff! Sie ist überstanden, die erste Schweizer Leistungsschau nach der Blamage. Leipzig, so der hiesige mediale Tenor unisono, war mehr als ein Punktsieg für das abstimmungsgebeutelte Land. Die Superlative überbieten sich: BesucherInnenrekord, Leserekord, gefolgt (so hoffen die Verlage) vielleicht auch von einem Umsatzrekord. Gar nicht zu reden vom positiven Aufmerksamkeitsrekord nach den negativen Erregungswellen. In Leipzig «schwingt» sich die Schweiz aus dem Erdloch des Ressentiments auf in die alpine Höhe «weltoffener» Geistigkeit. Ein Schweizer zu sein ist eben doch mehr, als nur dort geboren werden und zu sterben, rang Bundesrat Alain Berset, ausgerechnet einen Österreicher bemühend, um neues Selbstbewusstsein. Wer von den achtzig anwesenden Schweizer AutorInnen ihm die, wie die NZZ bescheinigt, «kluge, witzige und charmante» Rede wohl aufgeschrieben hat?

Nur gut, dass die Buchmesse im ordnungsliebenden Leipzig stattfand und nicht in Berlin, wo «Kopftuchmädchen» und rabiate MigrantInnen es wagen, einen salbadernden Thilo Sarrazin zu stören. In Leipzig durfte sich das Schweizervolk (glaubt man dem Gewährsmann der NZZ) landsmannschaftlich zu Hause fühlen: Man spricht und denkt und handelt doch so ähnlich wie die von Niederlagen und von K-Preussen aller Art (Königen, Kaisern, Kommunisten) heimgesuchten Sachsen. Der Mann hat leider keine Ahnung: Im schon fernen DDR-Berlin waren Sachsen verhasst. Nicht weil sie auf Schweizer Art «höflich» und «konfliktscheu» gewesen wären, sondern weil sie als Hundertfünfzigprozentige galten. Rote Socken.

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