Nr. 13/2014 vom 27.03.2014

Ein Landgraf in Unterkleidern

Von Stefan Howald

Nur der Tempel der Vernunft geriet nicht so überzeugend. Schwarzgrau gesprenkeltes Papiermaché, umstellt von ein paar Illustrationen von Ungeheuern, die der Schlaf der Aufklärung geboren hat. Die Installation steht im ersten Stock der Georg-Büchner-Ausstellung im Zürcher Strauhof, als Beigabe zum Revolutionsdrama «Dantons Tod». Davon abgesehen ist die Ausstellung visuell und inhaltlich eindrücklich.

Sie stammt aus Darmstadt, und was dort auf tausend Quadratmetern präsentiert werden konnte, musste in Zürich auf ein Viertel zusammengedrängt werden. Ins Parterre ist eine Stube hineingestellt worden, mit Büchern, die im Hause Büchner zu lesen waren: Shakespeare und Geschichtswerke. Dann steht man ehrfürchtig vor der Bleistiftzeichnung des Jugendfreunds Alexis Muston, dem einzigen bekannten authentischen Porträt von Büchner.

Zwei Filme veranschaulichen, wie Büchner die Quellen, etwa die Bibel oder historische Darstellungen, in literarische Texte verwandelt hat. Gezeigt wird zudem auf einer Karte, wie 1834 der aufrührerische «Hessische Landbote» in ganz Hessen gestreut wurde; der logistische Aufwand demonstriert, dass es Büchner mit der Verschwörung ernst war.

Die erläuternden Texte via Audiogerät sind auf dem neusten Stand der Forschung. Die Ausstellung ist besonders stark, wenn sie alltägliche Anregungen vergegenwärtigt, die Büchner in seine Werke einbaute: die erotische Uhr mit dem Perpendikel zum Beispiel, das in «Dantons Tod» ausschlägt, oder die «Menschmaschine» vom Jahrmarkt. Zeichnungen des hessischen Landgrafen Ludwig I. in Unterkleidern zeigen ihn so, wie sich König Peter vom Reich Popo in «Leonce und Lena» präsentiert.

Aus Zürich gibt es dann Stadtveduten, den Meldebogen der letzten Wohnung an der Spiegelgasse 12 – damals noch Steingasse – sowie den Eintrag im Totenbuch der Grossmünstergemeinde, und der kalte Atem der Vergänglichkeit streicht einem über den Rücken.

Zürich, Museum Strauhof, Dienstag bis Freitag, 12 bis 18 Uhr, Samstag, 10 bis 18 Uhr.
 Bis 1. Juni 2014.

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